Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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betrachtete ich meine Wunde, ſah, daß der Arm abgeriſſen war, und zweifelte nicht mehr an meinem Los. Zwei brave Kanoniere eilten herbei, um mir zu helfen. Der eine rief Jeſus, Herr General! Ich antwortete ruhig ich getraue mir es zu behaupten es macht nichts, Kinder, nur einen Mann weniger, die Komödie iſt zu Ende für mich. Helft mir vom Pferd, und dann an eure Pflicht! Ein Kanonier und ein Sappeur hoben mich herab und legten mich hinter einem Gartenhäuschen neben drei oder vier anderen Soldaten, welche Arm oder Bein verloren hatten, nieder. Ein junger böhmiſcher Artilleriſt, 22 Jahre alt, welcher die gleiche Wunde hatte, wie ich, lag im Sterben. Ich tröſtete ihn, ſo gut ich konnte, indem ich ſelbſt ruhig und bei vollem Bewußtſein, ja mit einer gewiſſen Neugierde dem Moment meiner Auf⸗ löſung entgegen ſah, welcher, wie ich beſtimmt glaubte, in den nächſten Minuten eintreten mußte. Zu Gott dem Herrn, deſſen Wille mich damals erhielt, flehe ich aber in der Erinne⸗ rung an dieſe Stunde, daß er mir, wenn dereinſt der Augenblick kommt, wo ich endgültig dieſe irdiſche Hülle verlaſſen muß, die gleiche Seelenruhe verleihen wolle.

Die Todesahnung des Prinzen gieng damals nicht in Erfüllung. Als die Batterie bald nachher ihren Rückzug antrat, wurde Waldeck, nachdem ein Chirurg ihm den Arm mit einer Scheere abgeſchnitten und die Wunde verbunden hatte, auf eine Leiter gelegt und nach Guen⸗ trange transportiert. Als dort nach 24 Stunden, in denen vier Chirurgen ſich ablöſend die Hand auf die Wunde gehalten hatten, der Verband erneuert wurde, ſah man, daß die Arterie ſich geſchloſſen hatte. Schon am 8. September wurde der Patient auf einer Tragbahre nach Luxemburg übergeführt und unter der ſorgſamen Behandlung eines ausgezeichneten Arztes, welchen Karl von Artois ihm zuſandte, machte ſeine Heilung jetzt raſche Fortſchritte. Auch in dieſer Zeit bildeten trotz der Schmerzen, welche ihm ſeine Wunde verurſachte, die militäriſchen Angelegenheiten den Angelpunkt ſeiner Gedanken. Beſondere Sorge machte ihm aber, wie er erzählt, damals die Kriegslage am Mittelrhein.

Nachdem nämlich Hohenlohe am 10. September mit dem Gros ſeines Corps die Stellung vor Thionville verlaſſen hatte, war Feldmarſchalllieutenant Erbach, welcher bis dahin in einem Lager bei Landau geſtanden hatte, an die Moſel beordert worden, umdie Beſatzungen von Metz und Thionville in den gehörigen Schranken zu halten. ¹) Durch den Abmarſch Erbachs war der Mittelrhein von Vertheidigern entblößt worden, namentlich aber waren die großen Magazine bei Speier einem Angriff aus dem nahen Landau preisgegeben, da die zur Deckung zurückbleibenden 3000 Mann, ein öſterreichiſches und zwei kurmainziſche Bataillone, zu ſchwach waren, um den Poſten zu ſchützen.

Waldeck unterließ es nicht von Luxemburg aus wiederholt auf dieſe Gefahr hinzuweiſen. Er verlangte, daß man die Magazine auf das rechte Rheinufer hinüber ſchaffen ſollte, was ſich in 24 Stunden bewerkſtelligen laſſe. Dort würden ſie vor einem plötzlichen Überfall geſichert ſein, während ſie in ihrer jetzigen Lage nur dazu beſtimmt ſein könnten die Garniſon von Lan⸗ dau zu verproviantieren.

Aber dieſe, wie der Erfolg bewies, ſehr begründeten Warnungen fanden kein Gehör, we⸗ nigſtens keine thatſächliche Berückſichtigung. Am 30. September erſchien Cuſtine mit überlegener Macht vor Speier, drängte nach lebhaftem Gefecht die Beſatzung gegen den Rhein und zwang

¹) Vgl. Renouard, a. a. O. S. 151.