Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
Einzelbild herunterladen

10

es ſich herausſtellte, daß die Entſchädigungen, welche die Verbündeten für ihren Kriegsaufwand beanſpruchten, nicht auf franzöſiſchem Boden zu gewinnen ſeien.

Vor Eröffnung des Feldzugs hatte man ſich nur über das Prinzip der Gleichheit in den Anſprüchen auf Entſchädigung geeinigt, dagegen die praktiſche Frage, wo dieſe Entſchädigungen zu ſuchen ſeien, nur oberflächlich berührt, von dem richtigen Gefühle geleitet, daß damit eine Quelle von Zwietracht und Hader in dem jungen Bündnis eröffnet würde. Erſt bei der Zuſam⸗ menkunft der Monarchen und ihrer Miniſter in Mainz(Juli 1792) wurde dieſe Angelegenheit eingehender erörtert. Allein eine Übereinkunft wurde nicht erzielt. Die Divergenz der beider⸗ ſeitigen Intereſſen und Wünſche trat klar hervor. Preußen verlangte eine Entſchädigung in Polen, Oſterreich außer dem von Joſeph ſo hartnäckig betriebenen Austauſch von Belgien gegen Baiern Üüberlaſſung der fränkiſchen Fürſtentümer Ansbach und Baireuth. Da dieſe Zumutung begreiflicher Weiſe die Entrüſtung des Königs erregte, ſo wurden die Verhandlungen abgebro⸗ chen, indem man eine Verſöhnung der widerſtreitenden Tendenzen von den Eventualitäten der Zukunft erwartete.¹) Allein die Zukunft brachte ſtatt einer Löſung nur neue Verwicklungen. Je weniger die Ergebniſſe der Feldzüge den gehegten Erwartungen entſprachen, deſto mehr trat die Entſchädigungsfrage in den Vordergrund.

Es iſt hier nicht der Ort, die Verhandlungen über die beiderſeits beanſpruchten Erwerbun⸗ gen durch alle ihre Phaſen zu verfolgen. Im Laufe der Darſtellung wird ſich Gelegenheit finden auf einzelne Momente hinzuweiſen. Für jetzt genügt es zu conſtatieren, daß der Hader über die Entſchädigungen zum Scheidewaſſer für die Koalition wurde. Jedoch würde er nicht in dem Maße zerſetzend gewirkt haben, wenn nicht noch anderes dazu mitgewirkt hätte.

Das ſchlimmſte war wohl, daß die alte Zwietracht, welche die deutſchen Mächte ſeit einem halben Jahrhundert getrennt hielt, ihren Samen in das neue Bündnis hineingeworfen hatte. Bei dem erſten Konflikt der realen Intereſſen ſchoß das alte Mißtrauen und die alte Mißgunſt empor und überwucherte die junge Saat freundſchaftlicher Beziehungen. Es war die naturge⸗ mäße Folge menſchlichen Empfindens, daß die Staatsmänner, welche in den Gefühlen des poli⸗ tiſchen Antagonismus aufgewachſen und ergraut waren, bei dem plötzlichen Syſtemwechſel ſich nur ſchwer in die neue Rolle zu finden wußten. Noch ſchwerer aber als den Politikern und Diplomaten von Beruf, welche doch ein gewiſſes Maß von Verſatilität des Geiſtes und Cha⸗ rakters vor anderen voraus haben, mußte die politiſche Schwenkung den Offizieren der beiden Heere werden. Sie, die ſeit langem ſich nur als Gegner auf der Wahlſtatt zu finden gewohnt waren, die ſoeben noch zu einem neuen Waffengange gerüſtet einander gegenübergeſtanden hatten, ſollten nun als Waffenbrüder Schulter an Schulter kämpfen, ohne daß ſie durch das einigende Gefühl des Streitens für gemeinſame Heiligtümer verbunden wurden. Gewiß für viele ächte Soldatennaturen ein kaum faßbarer Gedanke! Nur glänzende in Gemeinſchaft errungene Er⸗ folge hätten ſie lehren können des alten Haders zu vergeſſen. Da dieſe aber fehlten, ſo flogen bald die Vorwürfe des Verrats zwiſchen beiden Heeren hinüber und herüber, und wenn der eine Teil einmal Lorbeeren gepflückt hatte, ſo war bei dem anderen anſtatt teilnehmender Freude Neid und Mißgunſt die herrſchende Empfindung. Welche Rückwirkung ein ſolches Verhältnis auf den Gang der gemeinſamen Operationen haben mußte, das bedarf keiner Ausführung.

¹) Vergl. v. Sybel, Revolutionszeit 1 S. 446. ff.