Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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Europa ſolidariſch verbunden. Beſonderen Anlaß hatte außerdem noch das deutſche Reich, deſſen durch die Traktate garantierte Rechte in Elſaß und Lothringen gröblich verletzt wurden, das tumultuariſche Vorgehen im Nachbarlande mit feindlichen Blicken zu verfolgen.

Von entſcheidender Bedeutung für das Verhalten der deutſchen Mächte aber wurde die unglückliche Flucht Ludwigs XVI(20. Juni 1791). Für Leopold, welcher ſeither gegenüber den Bitten ſeiner Schweſter um Unterſtützung eine vorſichtige Zurückhaltung bewahrt hatte, wurde dies Ereignis ein Impuls zu entſchiedenerem Vorgehen. Ebenſo öffnete Friedrich Wilhelm infolge jener Vorgänge, der kühlen Beziehungen vergeſſend, welche lange Zeit zwiſchen ſeinem Hofe und dem von Verſailles geherrſcht hatten, ſein Ohr den Hülfegeſuchen der Emigranten. Das Mißgeſchick Ludwigs weckte ſeine Sympathie und in ſeiner romantiſchen Anwandlungen leicht zugänglichen Seele fühlte er den Trieb für die Autorität des Königtums in Frankreich einzu⸗ treten. Unter dem Zuſammenwirken dieſer beiderſeitigen Stimmungen wurden die Differenzen, welche noch über die Angelegenheiten des Oſtens zwiſchen den Kabinetten von Wien und Berlin vorhanden waren, ausgeglichen oder zur Seite geſtellt und in den vertraulichen Beſprechungen zu Pillnitz¹) der Grund zu einer gemeinſamen Politik Angeſichts der Situation in Frankreich gelegt. Ein Krieg war freilich damals noch nicht beſtimmt in Ausſicht genommen und die in Pillnitz ungeladen erſchienenen Emigranten erfuhren mit ihrem auf eine Intervention der Mächte gerichteten Drängen eine unzweideutige Zurückweiſung..

Noch einmal faßte bald nachher die Hoffnung Wurzel, daß der Thron Ludwigs durch An⸗ nahme der Verfaſſung neue Feſtigkeit gewonnen habe. Aber allzubald erwies ſich dieſer Glaube als trügeriſch. Die Dinge nahmen unter dem Druck der Terroriſten an der Seine einen immer rapideren Verlauf, und immer unverhüllter machte ſich dort bei den Machthabern ein Zug der Feindſeligkeit gegen das Haus Habsburg bemerklich. Selbſt Fürſt Kaunitz, der alte Feind Preußens, ſah jetzt in dem Abſchluß einer Allianz mit dieſem Staate die beſte Deckung für Oeſterreich und ſtellte demgemäß ſeine Anträge. Am 7. Februar 1792 kam denn auch in Wien das Defenſivbündniß zum Abſchluß, in welchem beide Staaten ſich ihre Beſitzungen garan⸗ tierten. Einen Monat ſpäter wurde in Paris die Leitung der Geſchäfte den gemäßigten Feuil⸗ lants entriſſen und das Miniſterium der Madam Roland mit Dumouriez als Chef des aus⸗ wärtigen Departements trat an deren Stelle. Damit wurden die Hoffnungen auf eine friedliche Entwickelung begraben, und bald tönten laut die Kriegsfanfaren über den Rhein. Am 20. April erfolgte die Kriegserklärung Ludwigs XVI an den König von Ungarn und Böhmen und un⸗ mittelbar darauf der Angriff auf Belgien. Damit war der casus foederis für Preußen gegeben.

Leopold II erlebte den Ausbruch des Kampfes nicht mehr. Nach kurzem Krankſein ſtarb er am 1. März, ſehr zur Unzeit für ſeinen Staat und für Europa. Sein Sohn Franz II hielt zwar anfangs an dem von ſeinem Vater inaugurierten politiſchen Syſtem feſt, nur daß er mit mehr Entſchiedenheit die Notwendigkeit einer aktiven Einmiſchung zu Gunſten des Königs von Frankreich betonte. Im ganzen aber folgte er lieber den Joſephiniſchen Traditionen. Dieſer Zug ſeiner Politik, der allerdings durch die Logik der Thatſachen ſelbſt gefördert wurde, trat bald hervor, als ſtatt der gehofften Erfolge im franzöſiſchen Kriege Mißerfolge geerntet wurden und

2) S. die Aktenſtücke über dieſe Zuſammenkunft bei Herrmann a. a. O. S. 83 ff. und vgl. außerdem v. Sybel, Revolutionszeit I S. 283 ff.