Aufsatz 
Erläuterungen zu Racines Phädra : 1. Teil
Entstehung
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deren Nichterfüllung Anstoß erregte, und es war gewiß nicht immer leicht, eine so enge Verknüpfung zu finden, die bei dem während des ganzen Stückes gleichbleibenden Schauplatz der Handlung wünschenswert, aber darum auch recht schwierig war. Zweimal fanden die Kunstrichter deswegen bei Racine Anlaß zum Tadel: Bér. 4 zwischen Szene 2 und 3, und Iph. 4 zwischen dem ersten und zweiten Auftritt. Ap unserer Stelle wird allen Forderungen völlig genügt. Damit Hipp. nicht mit Phädra zusammentreffe, muß er sich entfernen, und dies ist durch den Haß der Stiefmutter und ihr Verlangen, allein zu sein, ausreichend begründet. Freilich hat man Racine auch damit schikaniert, daß ein königlicher Prinz nicht von einer Dienerin veranlaßt, als ein sonst störender Augenzeuge, die Bühne räumen dürfte.

Onone meldet das Auftreten der Königin mit elle vient, v. 151, und während die Männer sich entfernen, geht sie ihrer Herrin entgegen.

154. la force m'abandonne Théb. 577; Bér. 956.

155. revoi ohnes ist die alte, lautlich begründete Form; im Nfr. machen die Dichter von dieser Freiheit Gebrauch, um Reime für das Auge auszugleichen; doch begehen sie dabei mitunter grammatische Irrtümer, indem sie sogar stammhaftes s weglassen; vgl. darüber Toblers frz. Versbau.

156. se dérober= fléchir, manquer Litt.=Das bebende Knie mir kraftlos zittert' und sank Klopstock, an Ebert. Les couleurs avaient quitté ses joues, et ses genoux se dérobaient sous elle Théophile Gautier, Le Capitaine Fracasse; prosaischer klingen Stellen wie: Rodin sentit ses jambes se dérober sous lui E. Sue, le juif errant; Ses jambes se dérobaient, A. Daudet, Nabab; A cette seule pensée, mes jambes se dérobent Théodore de Banville, Gringoire; altertümlich mutet die Wendung an: de qui les jambes défaillaient sous elle R. Toepffer, Rosa et Gertrude.

In Phädras ersten Worten spricht sich durch Inhalt und Form die kraftlose Erschöpfung aus, auf die der Hörer durch Ononens Bericht schon vorbereitet war. Erst kommen vier kleine, ein- fache Sätze von sechs bis sieben Silben; dann folgen zwei, nur je einen Vers füllende, und der seufzende Wehruf schließt ihre Klage. Besondere Beachtung verdient noch der erste Halbvers von 154, der aus einem ungeteilten Gliede besteht; vgl. 56; er drückt Mattigkeit und Schwäche aus. Uberdies liegt durch das starke Vorwiegen der vielen dunkeln o- und u-Laute dumpfe Schwermut lastend auf diesen Versen.

Delfour, Bible dans Racine p. 234: Le début de la mort de Jonathas ressemble étrangement à l'entrée de Phèdre:

Mes yeux s'appesantissent

Et mes genoux, sans force, à chaque pas fléchissent Lamartine, Harmonies poëtiques.

Ma force m'abandonne dit encore Jonathas.

elle s'assit ist eine veraltete Form= s'assied.

158. Das fragende que wird im Ausruf oft wie comme und combien verwendet; das Neutrum in seiner unbestimmten Allgemeinheit kann eben deswegen zum Ausdruck besonderer Beziehungen gebraucht werden; vgl. unserwas! vains ornements ist formelhaft; Et que m'importe de ces vains ornements? Bér. 973.

160. assembler mes cheveux= arranger avec art LR. Et modo gaudebam lapsos formare capillos Prop. 1, 3, 23; colligere incertos et in ordine ponere crines Ov. Am. 1, 11.

161. nuire= wehe thun, quälen. Tout me nuit, tout me perd, et tout me désespere Quinault, La généreuse ingratitude. Auch diese vier Zeilen 158 161 sind bewundernswert. Ab- gesehen von dem rührenden Inhalt, den ihm Euripides nur teilweise gegeben, hat Racine hier wiederum in Satz- und Versbau ein kleines, naturwahres Kunstwerk geschaffen; der längere Satz ist von zwei kürzern eingefaßt, deren zweiter durch die starke viermalige i-Assonanz rhythmisch be- tonter Wortsilben auch auf ein ungeübtes Ohr einen tiefen Eindruck machen muß: Tout m'afflige et