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Göttin in der unbefangenen Gemeinheit arglistiger Gesinnung den zu gläubiger Frömmigkeit und An- betung verpflichteten Zuhõrern, zur erbaulichen Stärkung der Religiosität an hohen Festtagen, vorher erzählt, wie sie einen Jüngling, der sie nicht ehrt, durch Bethörung des eigenen Vaters in den Tod treiben wird, und zwar unter erschwerenden Umständen durch Häufung von Unthaten, indem sie eine edle Königin, auf die sonst kein Schatten einer Schuld fiele, zur Schande verleitet und erbarmungslos in das Verderben jagt.— Die hehre Artemis aber hat keine Macht, dem drohenden Unheil vorzu- beugen, und ihre Verheißung, zur Rache für ihren gemordeten Schützling einen harmlosen Liebling der Aphrodite zu töten, kann uns nimmermehr Bewunderung einflößen. Diese Götter scheinen nur Macht zu haben, Böses und Arges anzustiften, aber nicht die Kraft, die Frevel ihrer olympischen Genossen zu hindern und zum guten Ende hinzuleiten. Dem Menschen aber gegenüber halten sie die Herrschaft in ewigen Händen und können sie brauchen, wie's ihnen gefällt; und ihnen gefällt, leider, das Gute nur selten. Doch dem Menschen wird als höchste Tugend und Weisheit die Sophro- syne vorgepredigt; das ist im Grunde stumpfe, willenlose, weil ohnmächtige, Ergebung in das wilde Schalten unsinniger Zwingherrscher. Trostlos und schmerzlich vermissen wir da das gerechte Walten einer sittlichen Weltordnung.
Wenn man nun die Euripideische Tragödie vor der Racineschen als fester zusammengefügt, als ganz aus einem Guß, loben will, so kann dies in dem Sinne zugegeben werden, daß bei Racine eine Zwiespältigkeit, eine unausgleichbare Unebenheit in der Behandlung des Gottesglaubens den Leser stört, weil der heidnische Grundgedanke der von der Mutter her auf dera Heldin lastenden Stammesschuld in die neue, reine Lehre von dem Verhäaltnis des Menschen zur Gottheit verwirrend eingreift.— So ist Racines Phädra weder ganz heidnisch, noch streng jansenistisch, sondern nur einfach menschlichfromm mit ihrem Streben, durch Buße zur Entsühnung und Erlösung zu gelangen; ndVrs E Seν ανπιουισν έσνρμσσισοt.
In der Vorrede zur Phädra, S. 299, 12 f., sagt Racine, daß die Heldin alle von Aristoteles geforderten Eigenschaften besitzt, die geeignet sind„à exciter la compassion et la terreur“. Ander- wärts giebt Racine kxleo mit pitié,„ßos aber stets, mit einer Ausnahme, mit terreur wieder. Es wäre jedoch unrichtig, im Anschluß an Lessing, zu meinen, daß Racine terreur in der engen Be- deutung von„Schrecken“ verstanden habe; vielmehr bedeutet es bei ihm„starke, heftige Furcht“ = crainte violente que l'on ressent; L.— Meine Behauptung stützt sich auf die Bruchstücke der Racineschen Ubersetzung der Aristotelischen Poetik Bd. 5, 477 ff. Dort lautet S. 481, 8 ff. ein Satz: Il ne faut pas non plus qu'un très méchant homme tombe du bonheur dans le malheur; car il y a bien à cela quelque chose de juste et de naturel; mais cela ne peut exciter ni pitié ni crainte. Wenige Zeilen vorher und nachher setzt Racine terreur, und daraus ergiebt sich unzweifelhaft, daß er † durchaus richtig aufgefaßt und terreur, als eng sinnverwandt mit crainte, nur zur Ab- wechselung des Ausdrucks gebraucht hat.
Zu S. 301, 1 sagt Mesnard in der Anmerkung, daß er den Schriftsteller nicht kenne, bei dem Racine die Kritik des untragischen Charakters des Euripideischen Hippolyt gelesen habe. Aber er selbst weist Bd. 5, 481 in der Note überzeugend nach, daß Racine hier aus Peter Vettoris Commen- tarii in librum Aristotelis de arte poëtarum geschöpft, und daß dieser Florentiner Gelehrte schon vor Schlegel darauf hingewiesen hat, daß die Alten eine Schuld des Hippolyt vielleicht in seiner Nicht- beachtung der Aphrodite gefunden haben mögen.
S. 301, 2 faiblesse ist hier und S. 302, 29 als„Vergehen, Schuld“ aufzufassen.
S. 301, 9. Uber Aricia vgl. v. Wilamowitz, Hippol. S. 31 Anm. 1.
S. 302, 8. Wegen des Konjunktivs füt nach croire vgl. die Anm. zu V. 1207.
S. 302, 15. Dem fournir à wird hier wohl am besten unser„zustatten kommen“ ent- sprechen.


