Aufsatz 
Das Leben des Landgrafen Kasimir Wilhelm von Hessen-Homburg 1690-1726 : nach archivalischen Quellen dargestellt / von W. Hammann
Entstehung
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So reiste denn im November des Jahres 1703 Prinz Kasimir mit Herrn von Löw von Homburg ab; nach kurzem Aufenthalte am Hofe des Landgrafen Karl zu Kassel gelangte man in 8 10 Tagen nach Schwerin, wo der Prinz von dem Herzoge und seiner Gemahlin Sophie Charlotte, einer geb. Prinzessin von Hessen-Kassel, mit grosser Freude empfangen wurde. Es fehlt an Worten, um den herzlichen Empfang zu schildern, der dem Prinzen nach 6 jähriger Abwesenheit von dem fürstlichen Ehepaar zu teil wurde. Da sie selbst keine Kinder ¹) hatten, betrachteten sie von Anfang an den Prinzen alsihren Sohn und überhäuften ihn mit Beweisen ihres Wohlwollens. An Lustbarkeiten und Vergnügungen aller Art fehlte es damals nicht in Schwerin. Der Prinz beteiligte sich an den Hoffestlichkeiten und fand sein Hauptvergnügen an der Jagd ²); deshalb kamen oft seine Studien zu kurz. Seine Pflegeeltern konnten es nicht über sich gewinnen, ihn aus ihrer Nähe zu verbannen, und sein Erzieher selbst noch ein junger, wenn auch gebildeter und weltgewandter Mann liess ihm anfangs die Zügel schiessen- Als er dann mit Gewalt seinen Schüler zum Studium treiben wollte, musste er zu seiner eigenen Beschämung von dem Prinzen und dessen Pagen hören, dass er selbst nicht der Mann sei, um den Vergnügungen und Zerstreuungen, die er an ihnen tadelte, zu entsagen. Schliesslich liess er sich zu besonderen Härten hinreissen und, als er gar eines Tages gewalttätig gegen seinen Zögling wurde, beklagte sich dieser bei seinen Pflegeeltern. Weil man ihn aber nicht genügend in Schutz zu nehmen schien, wandte er sich beschwerdeführend an seinen Vater nach Homburg). Hier wurde das Vorgehen des Hofmeisters zwar heftig getadelt, aber kurze Zeit darauf rief man den Prinzen samt seinem Erzieher und seiner kleinen Begleitung einem Pagen, Kammer- diener und Lakaien von Schwerin zurück. Zum Vorwand nahm man, dass es Gelegenheit für ihn gäbe, Reisen zu machen und dass man fürchte, er falle auf die Dauer seinen Wohl- tätern zur Last,.

So schied denn Kasimir Wilhelm von diesem herrlichen Aufenthaltsort, obwohl er einige Mal recht übel von seinem Hofmeister behandelt worden war, schweren Herzens. Der Abschied von Schwerin, seinen fürsorglichen Verwandten und zahlreichen Freunden war das erste schmerazliche Ereignis im Leben des Prinzen, das ihm wirklich nahe ging, und er brauchte lange, wie er selbst gesteht, bis er den Trennungsschmerz überwunden hatte. Die Heimreise ging über Han- nover. Der Kurfürst Georg Ludwig und seine Familie erwiesen dem jungen Landgrafen zahl- reiche Gunstbezeugungen. Er traf hier viele Bekannte vom Schweriner Hof; denn an beiden Höfen fehlte es niemals an gegenseitigen Parteigängern sowohl im guten wie im bösen Sinne, da zwischen Mecklenburg-Schwerin, das sich eng an das junge Königreich Preussen ange- schlossen hatte, und Kur-Hannover damals nicht immer das beste Einvernehmen bestand). Ohne diesen prächtigen⁵) Hof eigentlich wirklich gesehen zu haben, reiste der Prinz mit seinem Gefolge über Kassel, wo man sich drei Tage im Kreise der landgräflichen Familie aufhielt, nach Homburg weiter.

¹) Herzog Friedrich Wilhelm starb 1713, und ihm folgte sein Bruder Karl Leopold.

²) Er teilte diese Liebhaberei mit seiner Pflegemutter, der regierenden Herzogin, die später von ihrem Bruder, dem König von Schweden, in einem scherzhaft gehaltenen Reskripte zumOberjägermeister in Schwedisch- Pommern mit allen herkömmlichen Emolumenten ernannt wurde:weil sie unter allen fürstlichen Qualitäten auch diejenige vollkommen besitze. welche von dem besten, hirschgerechten Waidmanne erfordert werde, und weil schon manches Schwarz- und Rotwild das kleine Waidwerk unbedacht von ihrer Hand zu sterben, das Glück gehabt habe. S. Wildungens Taschenbuch für Forst- und Jagdfreunde 1808, S. 125.

³) Die Briefe sind im Haus- und Staatsarchive noch erhalten. *) Vgl. v. Noorden: Europäische Geschichte im 18. Jahrhundert I. z, S. 154.

) So wird aus dem Jahre 1680 berichtet, dass der Herzog von Hannover 80 vergoldete Karossen und einen gleich kostspieligen Marstall besass. v. Rommel, Geschichte von Hessen, Bd. X, S. 124.