Aufsatz 
Das Leben des Landgrafen Kasimir Wilhelm von Hessen-Homburg 1690-1726 : nach archivalischen Quellen dargestellt / von W. Hammann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5 merkte, die dem Prinzen gegenüber durch das Loch einer Hecke schlüpfte, seinen Posten und stellte sich hinter jener Hecke auf. Die Katze sprang aus der Hecke, der Prinz gab Feuer und tötete sie auf der Stelle. Der Erzieher, entzückt über diesen Kernschuss seines Schülers, merkte erst gar nicht, dass er am linken Bein schwer verwundet war. Bald darauf aber sank er mit einem Aufschrei zu Boden. Der Prinz, sein Page und der Gärtner liefen hinzu und trugen ihn in das Schloss, wo er Gefahr lief, sein Bein zu verlieren oder gar das Leben einzubüssen, da sich ein schweres Wundfieber eingestellt hatte. Der Landgraf bereitete seinem Sohn einen wenig an- genehmen Empfang, und dieser hatte in den ersten Tagen einen schweren Stand. Doch als sein Vater den wahren Hergang erfuhr, verlor der Erzieher sein Vertrauen; er begab sich da- rauf an den Hof nach Braunfels, wo unerfüllte Jagdhoffnungen ihn auch nicht lange weilen

liessen.

Am Hofe zu Homburg verblieb Kasimir Wilhelm bis zum Jahre 1703, jenem denkwürdigen Jahre der Schlacht am Speyerbach, in der die kaiserlichen und die hessischen Truppen unter dem Prinzen Friedrich von Hessen-Kassel, dem nachmaligen König von Schweden, von Marschall Tallard überrascht und trot⸗ heldenmütiger Gegenwehr vollständig geschlagen wurden. In dieser verhängnisvollen Schlacht fiel ein Bruder des Prinzen, der jugendliche Landgraf Philipp von Homburg, der ein Ebenbild seines Vaters und von allen abgöttisch verehrt als kur- hessischer General-Major der Kavallerie an der Spitze seines Dragoner-Regimentes von zwei Kugeln in den Kopf getroffen den Heldentod fürs Vaterland starb. Drei Tage suchten die Diener des Prinzen seine Leiche vergebens, bis ein Jagdhund den Leichnam seines Herrn ent- deckte¹). Es war dies der zweite schwere Verlust, den der alternde Landgraf zu beklagen hatte und nur schwer überwand. Denn bereits 1695 hatte sein zweiter Sohn, der 22 jährige Prinz Karl, als Oberst eines kurhessischen Regimentes in holländischen Diensten bei der Er- stürmung des Kastells von Namur die tödliche Wunde empfangen.

Während Prinz Kasimir mit seinem Vater in jenem unglücklichen Jahre zum Besuche des Hofes Nassau-Idstein und der Bäder in Wiesbaden weilte, traf ihn die Nachricht, dass der Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg ihm eine Kompagnie seines in holländischen Diensten stehenden Schweriner Regimentes übertragen habe. Es war dies ein trefflicher Beweis der Wertschätzung, deren sich der Prinz am Schweriner Hofe, wo er seine Kindertage verlebt hatte, zu erfreuen hatte. Zwar konnte er diese Stelle bei seiner Jugend nicht selbst versehen; ein Kapitän-Verwalter namens Schack vertrat ihn, mit dem er sich in die Revenuen teilte. Kurze Zeit darauf erschien der mecklenburgische Hofmarschall von Löw am Homburger Hofe mit einer persönlichen Einladung an den jungen Landgrafen, ihm nach Schwerin zu folgen. Um alle Bedenken zu zerstreuen, bot der Marschall der 7 Jahre später als Burggraf von Friedberg in der Wetterau²) starb seinen eigenen Bruder als Erzieher des Prinzen an. Nach anfänglichem Zögern willigte der greise Landgraf unter Zustimmung der Stiefmutter, die ihre eigenen Söhne aus erster und zweiter Ehe zu erziehen hatte, in den Vorschlag ein.

¹) Die allgemeine Teilnahme, die der Tod des vielversprechenden Prinzen erweckte, verrät ein Brief der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans an ihre Schwester Luise in Hannover vom 30. Dezember 1703. Sie schreibt:Der König(Ludwig XIV.) hatt mir selber gesagt, dass printz Philip von Homburg geblieben ist. Aus der Erzählung des Landgrafen Kasimir von dem Auffinden der Leiche seines Bruders wird die Bemerkung der Herzogin verständlich:Wer solte die hunde nicht lieben nach dem exempel von landtgraff Philips hundt von Homburg?

Vgl. Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans: Bibliothek des literarischen Vereins zu Stutt- gart, 1867, Bd. II.

²)[oh. Löw zu Steinfurt war von 1706 1710 Burggraf zu Friedberg als Nachfolger des Joh. Karl von Bettendorf 1705. Vgl. Philipp Dieffenbach: Geschichte der Stadt und Burg Friedberg in der Wetterau S. 319.