40*—
angeborenen Kraft. Aus Luther's Jahrhundert war, was ſich nur erreichen ließ, zu benutzen; hernach hat der dreißigjährige Krieg Deutſchland und ſein geiſtiges Leben verödet; auch die Sprache welkte und die Blätter fielen einzeln von den Aeſten; was ſich noch irgend auszeichnete, mußte berückſichtigt werden. Im Anfang des 18. Jahr⸗ hunderts hing noch trübes Gewölk über dem alten Baum, deſſen Lebenskraft zu ſchwinden ſchien.“...„Für dieſe Zeit war eine Auswahl zuläſſig; daß wir das Richtige getroffen, dürfen wir hoffen. Unſerem Vaterland iſt mehrmals ein Retter erſchienen, der ſeine Ge⸗ ſchicke wieder aufwärts lenkte; ſo erſchien Göthe auch der Sprache als ein neues Geſtirn.“
.„Es iſt nicht zu erſchöpfen, was er für dic Erhebung uud Läuterung der Sprache ge⸗ than hat, nicht mühſam ſuchend, ſondern dem unmittelbaren Drange folgend; der Geiſt des deutſchen Volkes, der ſich am klarſten in der Sprache bewährt, hatte bei ihm ſeine volle Freiheit wieder gefunden. Was ſonſt hervorragende Männer, wie Wieland, Herder, Schiller, in dieſer Beziehung gewirkt haben, erſcheint ihm gegenüber von geringem Belange. Leſſing ſtand, was die Behandlung der Sprache betrifft, ihm am nächſten; aber Niemand hat ihn bis jetzt erreicht, geſchweige übertroffen. Göthe iſt alſo für die letztere Periode, da ſein langes Leben eine glückliche Ausdehnung gegeben hat, der Mittel⸗ punkt des deutſchen Wörterbuchs.“
Wenn nun auch das Grimm'ſche Wörterbuch mit Göthe den deutſchen Wortſchatz. eigentlich abſchließt, ſo hat es doch auch einzelne, für die deutſche Sprache beſonders wich⸗ tige Männer nach Göthe, wie etwa Uhland, Rückert, Platen u. a,, nicht unberückſich⸗ tigt gelaſſen. Welch' eine Arbeit aber muß es für die beiden Brüder geweſen ſein, das, ſo zu ſagen, endloſe Feld der neuhochdeutſchen Sprache lexikographiſch zu behandeln! Man denke nur an das Sammeln der einzelnen Wörter, wie viel Fleiß und Mühe erfordert es! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Brüder nicht Alles allein gearbeitet haben; aber gerade, indem auch fremde Hände mitgeholfen und Matcrial herbeigeſchafft, war es um ſo noth⸗ wendiger, das auf ſolche Art Herbeigebrachte und Behandelte genau zu unterſuchen und zu prüfen, ob es auch würdig ſei, einem Baue eingefügt zu werden, der den Namen Grimm an ſeiner Stirne trägt. Jakob Grimm klagt ſelbſt einmal über die Unmaſſe von Material, welche ihm von allen Seiten entgegentrete.„Wie wenn tagelang feine, dichte Flocken vom. Himmel niederfallen, bald die ganze Gegend in unermeßlichem Schnee zugedeckt liegt, werde ich von der Maſſe aus allen Ecken und Ritzen auf mich andringender Wörter gleichſam eingeſchneit. Zuweilen möchte ich mich erheben und Alles wieder abſchütteln; aber die rechte— Beſinnung bleibt dann nicht aus.“
Die einzelnen Wörter in dem Grimm'ſchen Lexikon ſind alphabetiſch geordnet und hiſtoriſch dargeſtellt, d. h. bei jedem Wort wird, nachdem ſeine Bedeutung angegeben, ſeine Geſchichte uns vorgeführt, bis zum Gothiſchen zurückgehend und zugleich die anderen ger⸗ maniſchen Sprachzweige berückſichtigend. Beſonders ausführlich wird uns die Geſchichte des betreffenden Wortes im Neuhochdeutſchen und die Wandlung, die es innerhalb der Zeit vom 16. Jahrhundert bis jetzt(wenigſtens bis circa 1850) durchgemacht, dargeſtellt, mit Rück⸗ ſicht auf Orthographie, Accentuation, Bedeutung und Gebrauch, was Alles mit Belegen aus Schriftſtellern begleitet iſt.
Auch mit dieſem Werke war Grimm, ähnlich wie mit der Grammatik, epochemachend⸗ und hat damit alle Verdienſte ſeiner Vorgänger auf dieſem Gebiete bei weitem übertroffen. Allerdings hat bei dem Erſcheinen der erſten Lieferung die Kritik, ſich verſchieden darüber ausgeſprochen, und es fehlte nicht an Solchen, die in hyperkritiſchem Sinne Ausſtellungen.


