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ihrer Spaltung in verſchiedene Sprachzweige und Mundarten mit deren Charakteriſirung. Man kann es in vier Hauptabſchnitte zerlegen. In dem erſten Abſchnitt ſpricht Grimm über den Culturzuſtand der Indogermanen vor der Trennung. Der Hauptgedanke in dieſem Abſchnitt iſt: Wenn die verſchiedenen indogermaniſchen Völker dasſelbe Wort haben, ſo haben ſie auch die Sache, und es ergibt ſich daraus ein Zeugniß über den Culturzuſtand, auf dem dieſes Volk vor der Trennung ſich befand. Grimm gewinnt auch für die Ge⸗ ſchichte das intereſſante Reſultat, daß die ganze europäiſche Vorzeit im Glauben und in den Sitten unter ſich und mit Aſien zuſammenhänge.
In dem zweiten Abſchnitt ſtellt er dar die Abtrennung der Germanen von den ver⸗ wandten Völkern und die Individualiſirung ihrer Sprache..
In dem dritten Abſchnitt betrachtet er die einzelnen germaniſchen Volksſtämme nach ihren Namen, Sitzen und geſchichtlichen Hauptmomenten, und charakteriſirt ihre Sprache aus ihren literariſchen Denkmälern und Eigennamen.
Der vierte Abſchnitt iſt rein ſprachlicher, grammatiſcher Natur; es wird darin ge⸗ ſprochen über deutſche Dialekte, über Ablaut, Reduplication, ſchwache verba u. ſ. w. Grimm ſagt am Ende dieſes Werkes:„Für die Geſchichte der Sprache ſtehen noch reiche Ergebniſſe bevor, wenn ſie allmählich, außer den Lauten, Ableitungen und Flexionen, über die ganze Fülle ſinnlicher Vorſtellungen den Wortvorrath aller urverwandten Sprachen be⸗ fragen und erforſchen wird.“ Das Verdienſtvolle dieſes Werkes liegt darin, daß Grimm die Einheit der indogermaniſchen Sprachen nachweiſt, und durch dieſen Nachweis auch der Geſchichte großen Vorſchub leiſtet; wie er ſelbſt ſich ausdrückt, war dieſelbe dadurch ſach— lich vertieft, geiſtig belebt und im vaterländiſchen Sinne befruchtet.
Das andere Werk Grimm's, über den Urſprung der Sprache, iſt nicht in dem Grade epochemachend, wie das vorher genannte, oder wie die Grammatik, übrigens tief und geiſt⸗ reich. Es ſteht ihm feſt: die Sprache iſt dem Menſchen nicht angeſchaffen, wie die Laute dem Thiere, noch eine ihm geoffenbarte, ſondern eine menſchliche, mit voller Freiheit ihrem Urſprung und Fortſchritt nach von uns ſelbſt erworben. Auch machte Grimm folgenden Unterſchied im Charakter der einzelnen Zeitabſchnitte:„Die älteſte Sprache war melodiſch, aber breitſchweifig und haltlos, die mittlere voll gedrungener poetiſcher Kraft, die neuere Sprache ſucht den Abgang von Schönheit durch Harmonie des Ganzen ſicher einzubringen und vermag mit geringeren Mitteln dennoch mehr.“ Auch Herder hat ſich mit der Frage nach dem Urſprung der Sprache eingehend befaßt, und Grimm ſteht ſo ziemlich auf gleichem Standpunkt mit ihm, obgleich er andere Gründe für ſeine Anſicht geltend macht. Auch— Wilhelm von Humboldt, der geiſteeiche, feingebildete Sprachkenner und Sprachforſcher, hat hierüber geſchrieben.
Es läßt ſich überhaupt die Frage nach dem Urſprung der Sprache als eine offene betrachten, und ſie wird es auch für immer bleiben. Das chriſtliche Dogma ſagt uns. zwar, daß die Sprache ein Geſchenk Gottes, uns alſo von Gott gegeben ſei, und hiernach iſt wohl dieſe Frage, vom theologiſchen Standpunkt aus betrachtet, abgeſchloſſen. Allein der theologiſche Standpunkt iſt der Art allgemeiner Natur, daß er dem Sprachphilo⸗ ſophen(vorausgeſetzt, daß dieſer überhaupt Rückſicht auf ihn nimmt) vollen Spielraum läßt, und es verſtößt meiner Anſicht nach keineswegs gegen das Dogma, wenn Grimm behauptet, der Menſch habe ſich die Sprache ſelbſt erworben. Denn wenn wir auch annehmen, der Menſch habe ſich die Sprache ſelbſt erworben, ſo bleibt doch noch die Frage zurück: wer hat in den. Menſchen die Fähigkeit gelegt, ſich die Sprache erwerben zu können? Und auf dieſe Frage⸗


