Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

36

Geſetz der Lautverſchiebung hat Grimm die Verwandtſchaft aller indogermaniſchen Sprachen unwiderleglich nachgewieſen.

Als beſonders hervorzuhebende Leiſtungen Grimm's auf dem Gebiete der Flexionslehre erwähnen wir: die Eintheilung der Deklination in ſtarke und ſchwache. Darüber haben wir, namentlich auch über die Ausdrückeſtark undſchwach, ſchon oben geſprochen. Von den Biegungsarten iſt, wie Grimm conſtatirt, die Deklination die innerlich einfachere. Die Verſchiedenheit der Deklination beruht auf den Vocalen, nicht auf den Conſonanten. Sie zeigt ſich am deutlichſten beim Dingwort, weniger beim Eigenſchaftswort; einigermaßen auch beim Fürwort. Von den drei Geſchlechtern iſt die Deklination beſonders beim männlichen entwickelt. Ueber die ſchwache Deklination ſagt Grimm:Eine nähere Prüfung hat mich zu folgender Theorie geführt: die ſchwache Form des Dingwortes und Eigenſchaftswortes beruht auf dem Zuſammenſtoß eines Bildungsprincips(des charakterifchen n) mit dem Fle⸗ xionsprincip, wobei letzteres am Ende überwältigt wird und weicht, erſteres aber die Natur eigentlicher Caſus annimmt. 3

Ueber die ſtarke Conjugation äußert er ſich folgendermaßen:Die Veränderung des Wurzellautes im Praeteritum(Imperfectum) iſt die Seele der ſtarken, d. h. der eigent⸗ lichen, älteſten Conjugationsform und eine durch alle deutſche Sprachen ziehende Grund⸗ eigenthümlichkeit, die ſie von den meiſten anderen vortheilhaft auszeichnet. Die ſtarke Con⸗ jugation verdient ſo zu heißen: 1) Weil ſie lauter einfache, kräftige Wurzeln enthält, die ſchwache hingegen meiſtens Ableitungen; 2) weil ſie des Ab⸗ und Umlauts fähig iſt, die ſchwache in der Regel keines von beiden, ſondern ſie behilft ſich mit äußeren Mitteln. Die ſchwache Form iſt ohne Zweifel jünger, als die ſtarke; ſie beruht weſentlich auf zwei Stücken: 1) auf einer durch die Vocale i, o und ai im Gothiſchen bewirkten Ableitung; 2) auf der durch äußerliche und erſt nach dem Ableitungsvocal eintretende Zuthat ausge⸗ drückten Vergangenheit.

In den Jahren 1826 und 1831 erſchienen der zweite und dritte Theil der Grimm'ſchen Grammatik. Beide Theile handeln, wie ſchon oben geſagt, von der Wortbildung. Wir müſſen auch hier den ungewöhnlichen Geiſt des Verfaſſers, ſowie ſeinen ganz außerordent⸗ lichen Fleiß und ſeine Ausdauer bewundern, womit er dieſes ſo ſchwierige und ſchlüpfrige Gebiet durchgearbeitet hat. Vergeblich werden wir in der Literatur nicht bloß der Deut⸗ ſchen, ſondern aller gebildeten Völker eine ähnliche Arbeit ſuchen. Gerade die Lehre von der Wortbildung war von den griechiſchen und lateiniſchen Grammatikern wenig cultivirt worden; Grimm hat ſie in ſeiner deutſchen Grammatik zu Ehren gebracht. Wir wollen auch hier wieder kurz das Originelle berühren. Grimm zeigt in ſeiner Wortbildungslehre, daß auf dieſem höchſt complicirten, ja faſt unermeßlichen Felde keine Willkür herrſche, kein Mechanismus, ſondern daß ſich Alles nach beſtimmten Geſetzen bildet und entwickelt. Und gerade darin liegt das Verdienſt Grimm's, das Geſetzmäßige herausgefunden zu haben. Es ſei hier Einiges erwähnt. Die Zeitwörter ſind das Fundament aller Wörter; es gibt zwiſchen 650 und 700 Wurzelwörter. Grimm geht genau auf die urſprüngliche Bedeu⸗ tung der Wurzeln ein und zeigt, wie aus der Wurzel auf dreifache Weiſe ſich ein eigent⸗ liches Wort bilden kann:

a) Durch innere Veränderung(Laut oder Ablaut); b) durch äußere Mehrung(Ab⸗ leitung); c) durch Zuſammenſetzung. Das Alles ſteht auch wohl in unſeren jetzigen Gram⸗ matiken; es iſt aber hierbei nicht zu vergeſſen, daß wir es Grimm zu verdanken haben. Wie viel durch eine wiſſenſchaftliche Wortbildungslehre für die Sprachforſchung gewonnen