Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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35.

waren. Sie ſtehen tief unter ihm und haben auf ihren Forſchungen nur kleine Inſelchen entdeckt, während Grimm mit ſeinem Geſetz der Lautverſchiebung gleichſam einen neuen Welt⸗ theil entdeckte. Wir können das Weſen dieſes Geſetzes nach dem Vorgange von Raumer als in zwei Punkten beſtehend darſtellen; es beſteht nämlich darin: 1) daß hier ein Lautwan⸗ delgeſetz vorliegt, das alle Organe gleichmäßig beherrſcht; 2) daß derſelbe Vorgang, der das Griechiſche mit dem Gothiſchen verknüpft, ſich vom Gothiſchen zum Althochdeutſchen wiederholt.

Das Geſetz der Lautverſchiebung bezieht ſich auf die ſogenannten ſtummen Conſonan⸗ ten(b, p, d, t, g, k, mit ihren entſprechenden Aſpiranten oder Hauchlauten, nämlich ph oder f, th(gothiſch, neuhochdeutſch ß oder z), ch oder h). Grimm hat nun gefunden, daß in einer beſtimmten Reihenfolge dieſe Conſonanten wechſeln oder ſich verſchieben, der Art, daß, wo in den verwandten Sprachen des Griechiſchen oder Lateiniſchen der harte Laut von den Lippenbuchſtaben ſteht, dieſer im Gothiſchen in einen anderen desſelben Organs übergeht und vom Gothiſchen zum Hochdeutſchen abermals in einen anderen Laut desſelben Organs. Das nachſolgende Schema und einige Beiſpiele werden dieſes Geſetz klar machen:

1 2 3 Griechiſch oder Lateiniſch: hart gehaucht weich Gothiſch: gehaucht weich hart Hochdeutſch: weich hart gchaucht. Beiſpiele:

Zu 1: griechiſch und lateiniſch: Zu 2: griechiſch und lateiniſch: Zu 3: lateiniſch: cannabis

treis und tres gothiſch: threis hochdeutſch, und zwar: althochdeutſch und mit⸗ telhochdeutſch: dri neuhochdeutſch: drei

chortos und hortus gothiſch: gards hochdeutſch, und zwar: althochdeutſch: karts; dagegen mittelhochd. u. neuhochdeutſch: garte

gothiſch: fehlend; dafür angelſächſiſch: hänep hochdeutſch, und zwar: althochdeutſch: hanaf mittelhochd.: hanef neuhochdeutſch: Hanf

und Garten

Dies iſt die allgemeine Formel für das Geſetz der Lautverſchiebung. Es verſteht ſich aber von ſelbſt, daß dieſes Geſetz nicht unverbrüchlich iſt; denn das Geſetz exiſtirte nicht vor den Sprachen, ſo daß dieſe ſich darnach zu richten hätten, ſondern aus vielen Beiſpielen der vorhandenen indogermaniſchen Sprachen iſt es deducirt. Daher gibt es auch natürlicherweiſe Abweichungen von der ſtrengen Regel, wie z. B. zu Nr. 3 ſich zeigt, wo bei dem auf der gothiſchen Lautſtufe ſtehenden angelſächſiſchen hänep der Anlaut h im Althochdeutſchen nicht in g übergeht, ſondern bleibt, alſo ſo zu ſagen ſtockt. Gleiche Stockung tritt ein, wenn wir dem lateiniſchen pellis gegenüber im Gothiſchen fill!, im Althochdeutſchen föl und neu⸗ hochdeutſch Fell haben, alſo Verbleiben des gothiſchen f im Althochdeutſchen. Auch hat Grimm beobachtet, daß dieſes Geſetz im Anlaut ſtrenger durchgeführt iſt, als im Inlaut, und im Inlaut wieder ſtrenger, als im Auslaut. Grimm ſelbſt ſagt von dieſem Geſetz, daß es der Prüfſtein für die Etymologie geworden ſei; ihr ſchlüpfriger Boden habe dadurch feſten Halt gewonnen, in die etymologiſche Wiſſenſchaft ſei eine ſichere Methode gekommen, ja jetzt erſt ſei eine wiſſenſchaftliche Behandlung derſelben möglich geweſen. Durch dieſes