Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

griechiſchen Sprache und auch in einzelnen Zeitwörtern der lateiniſchen Sprache haben, und welche bei beiden Sprachen im Perfectum angewandt wird, betrifft in der deutſchen Sprache das Imperfectum. Sie beſteht darin, daß der Anfangsconſonant der Wurzel mit einem be⸗ ſtimmten Vocal wiederholt und zwar der Wurzel vorgeſetzt wird. Dieſer Vocal iſt im Go⸗ thiſchen ai und würde im Althochdeutſchen zu ei werden; es bildete ſich aber in dieſer Sprache, indem ſich der Reduplicationsvocal mit dem Vocal der Wurzelſilbe verband, durch Verſchmelzung der Diphthong ia, bei einigen Zeitwörtern io, Co, in, welche alle neuhochdeutſch zu ie werden. Der Vocal der Wurzelſilbe der hierher gehörigen Verba kann im Gothiſchen a, 6, 0, äi, äu ſein, im Althochdeutſchen demgemäß a, à, no, ei, ou oder 0, neuhochdeutſch kurzes a, langes a, langes u, ei, au, langes o. Z. B.ſchlafen hat: gothiſch(im imper- fectum): saizlép; althochdeutſch sléf, sliaf und slief; mittelhochdeutſch slief, neuhochdeutſch: ſchlief. Ferner:heißen; gothiſch(im imperfectum) haihait; althochdeutſch héaz,, hiaz,, hiez,; mittelhochdeutſch: hiez,; neuhochdeutſch: hieß. Deßgleichen:laufen; gothiſch hlaihlaup(?); althochdeutſch: liuf, liof, liaf und lief; mittelhochdeutſch: liuf und lief; neu⸗ hochdeutſch: lief. Die reduplicirenden Zeitwörter erkennt man im Neuhochdeutſchen alſo daran, daß der Vocal ihrer Wurzelſilbe, wie oben angegeben, kurzes a, langes a, langes u, ei, au, langes o iſt, daß der Ablaut im Imperfectum ie oder i lautet, und daß im participium der urſprüngliche Wurzelvocal wiederkehrt.

Die genannten Erſcheinungen ſind die wichtigſten Entdeckungen Grimm's im Bereich des Vocalismus. Aber abgeſehen von dieſen Details hat Jakob Grimm auch das Verdienſt, den Vocalen überhaupt eine ganz andere Stellung eingeräumt, einen ganz anderen Werth beigelegt zu haben, als ſie in den Augen früherer Sprachforſcher hatten. Es ſei uns daher geſtattet, hier mit Grimm's eigenen Worten die Bedeutung der Vocale zu charakteriſiren. Der Vocalismus hat in allen deutſchen Sprachen beſonders tiefe Bedeutung und iſt, wie es ſcheint, feſter und feiner beſtimmt, als z. B. in der griechiſchen und lateiniſchen. Kein Vocal ſteht oder wechſelt willkürlich in derſelben Mundart; wenn eine verſchiedene Mundart Ueber⸗ gänge zeigt, ſo haben ſolche nicht weniger bei Conſonanten ſtatt, und erfolgen überall nach vorgezeichneten Geſetzen und Verwandtſchaften. Etymologen, welche den Vocal für etwas Gleichgültiges erklären, wie er es in einigen Sprachen des Orients eher zu ſein ſcheint, und ſich bloß an das Gerippe der Conſonanten halten, verlieren dadurch mehr, als ſie gewin⸗ nen, indem die Kenntniß der Vocalverhältniſſe gerade die ſicherſten und reichhaltigſten Auf⸗ ſchlüſe über den Urſprung und die Ableitung der Wörter gewährt; Auſſchlüſſe, die mit jenen ungezügelten Sprüngen im Felde des Conſonantismus den auffallendſten Gegenſatz bilden. Man muß jedoch geuau die Bedeutung und Geſchichte der Vocale in der Wurzel von denen in der Endung eines Wortes unterſcheiden. Die Vocale in letzteren haben ein kürzeres, geringeres Leben, ſind auch häufigeren Veränderungen ausgeſetzt und können we⸗ niger im Allgemeinen, als im Einzelnen betrachtet werden, ein gründliches Urtheil über ſie wird erſt aus der ſchwierigen Unterſuchung der Accentuation einmal hervorgehen.

Hat Grimm, wie aus dieſem Wenigen wohl zur Genüge hervorgehen dürfte, auf dem Gebiete des Vocalismus Großes geleiſtet, indem er die Vocale eigentlich erſt in ihre Rechte einſetzte, ſo hat er ſich nicht minder verdient gemacht auf dem Gebiete des Conſonantismus, und zwar hier ganz beſonders durch das von ihm entdeckte Geſetz der Lautverſchieb⸗ ung. Allerdings hat er hier Vorläufer, wie z. B. Melchior Goldaſt(1604), Franziscus Junius(1677), Daniel Morhof(1682), Arnold Kanne(1802), aber Vorläufer, welche, um mit der Bibel zu ſprechen, Jakob Grimm die Schuhriemen aufzulöſen nicht würdig