Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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Gedanken, wie ſich die Sagen zur Poeſie und Geſchichte verhalten, ein Aufſatz von hohem wiſſenſchaftlichen Intereſſe. Er tritt hier nämlich einer bisher ziemlich allgemein angenom⸗ menen Anſchauung über die Sage entgegen uund nähert ſich der Anſicht, welche der Geſchicht⸗ ſchreiber Johannes von Müller von der Sagge hatte.

Die Sage iſt Grimm ſtark hiſtoriſcher Natur, und es iſt ihr, nach ſeiner Anſicht, deß⸗ wegen auch viel Gewicht beizulegen. Görres und Kanne, welche gleichfalls über dieſen Gegenſtand Studien machten, betonten zu wenig das Geſchichtliche in der Sage. Obſchon auch nach ihrer Anſicht eine jede Sage einen hiſtoriſchen Hintergrund hat, ſo legten ſie doch dieſem geſchichtlichen Moment zu wenig Werth bei und hielten deßwegen die Sagen eines Volkes nicht ſonderlich der Beachtung werth. Grimm dagegen betont es, daß alle Sagen einen geſchichtlichen Kern enthalten. Sehr charakteriſtiſch ſind ſeine eigenen Worte darüber.Die Sagen ſind grünes Holz, friſches Gewäſſer und reiner Laut entgegen der Dürre, Lauheit und Verwirrung unſerer Geſchichte, in welcher ohnedem zu viel politiſche Kunſtgriffe ſpielen, ſtatt der freien Kämpfe alter Nationen, und welche man nicht auch durch Verkennung ihrer eigentlichen Beſtimmung verderben ſollte. Das kritiſche Princip, welches in Wahrheit, ſeit es in unſere Geſchichte eingeführt worden, gewiſſermaßen den reinen Gegenſatz zu dieſen Sagen gemacht und ſie mit Verachtung verſtoßen hat, bleibt an ſich, obſchon aus einer unrechten Veranlaſſung ſchädlich ausgegangen, unbezweifelt; allein nicht zu ſehen, daß es eine Wahrheit gibt außer den Urkunden, Diplomen und Chroniken, das iſt höchſt unkritiſch. Alſo auch in den Sagen eines Volkes findet ſich Wahrheit, obgleich ihnen die Sicherheit abgeht.

Indem Grimm das geſchichtliche Element in der Sage hervorhebt und ſie dadurch in die nächſte Beziehung zur Geſchichte ſtellt, zeigt er uns auch den weſentlichen Unterſchied zwiſchen Sage und Märchen. Grimm iſt es wieder, der dieſen Unterſchied feſtſtellt. Man hatte überhaupt, ehe die Gebrüder Grimm ihre Märchen herausgaben, eine ſo geringſchätzige An⸗ ſicht über die Bedeutung des Märchens, daß, als im J. 1812 der erſte Band der Kinder⸗ und Hausmärchen von ihnen erſchien, ſo mancher Kritiker dies als ein kindiſches Unterneh⸗ men erklärte, welches ſich für ſo verſtändige Männer, wie die Grimm, nicht ſchicke. Man hatte alſo damals noch keinen rechten Begriff davon, was die Märchen eines Volks zu be⸗ deuten haben. Jakob Grimm hat uns darüber aufgeklärt. Er ſagte von ihnen, daß ſie einen bedeutenden Dienſt der Poeſie und der Mythologie leiſteten und zugleich Erziehungs⸗ buch für die Jugend ſeien.In den Märchen iſt eine Zauberwelt aufgethan... ſie ver⸗ dienen eine beſſere Aufmerkſamkeit, als man ihnen bisher geſchenkt..... ſie gehören zu unſerer Nationalpoeſie, indem ſich nachweiſen läßt, daß ſie ſchon mehrere Jahrhunderte durch unter dem Volke gelebt, ſo ſagt Wilhelm Grimm, und Jakob ſchreibt bald darauf:Es iſt höchſte Zeit geworden, alte Ueberlieferungen zu ſammeln und zu retten, damit ſie nicht, wie Thau in heißer Sonne vergeht, wie Feuer im Brunnen erliſcht, in der Unruhe unſerer Tage auf immer verſtummen.

Vor Grimm hat ſchon Herder auf das Sammeln von Märchen hingewieſen.Eine reine Sammlung von Kindermärchen, ſind ſeine Worte,mit allem Reichthum zauberi⸗ ſcher Weltſcenen, ſowie mit der ganzen Unſchuld einer Jugendſeele begabt, wäre ein Weihnachtsgeſchenk für die junge Welt künftiger Generationen.Die Volksmärchen der Deutſchen von Muſäus(17821785) ſollten ein ſolches Weihnachtsgeſchenk ſein; aber ſie verfehlten ihren Zweck; denn das Meiſte darin waren keine Märchen, ſondern Sagen. Ebenſo waren auch die Volksmärchen von Tieck(1797) inſofern eine miß⸗