— 30—
glückte Arbeit, als ihnen der kindlich gläubige Sinn mangelt, womit das Wunderbare erzählt werden muß, und die ideale, heitere Lebensanſchauung, welche ſich wie ein rother Faden durch die Märchen hindurchziehen muß. Grimm hat erſt(mit ſeinem Bruder) das Rechte getroffen in ſeiner Märchenſammlung„Kinder- und Hausmärchen“, geſammelt durch die Brü⸗ der Grimm, Berlin 1812. Er hat das Verdienſt, wie ſchon vorhin geſagt, einen weſent⸗ lichen Unterſchied zwiſchen Sage und Märchen ſtatuirt zu haben. Dieſer Unterſchied läuft auf folgende Gedanken hinaus: Die Sage iſt mehr hiſtoriſcher, das Märchen mehr poctiſcher Natur. Dem Märchen darf und ſoll eine durchaus kindliche, alſo der Wirklichkeit entgegen⸗ geſetzte Weltanſchauung zu Grunde liegen(ein Haus im Walde aus Brod gebaut, mit Kuchen gedeckt, mit Fenſtern von hellem Zucker ꝛc.). Die Sage aber hat einen durchaus realen Hintergrund. Während das Märchen ſich lediglich in der Welt der Phantaſie bewegt, iſt die Sage dem friſchen Morgenduft zu vergleichen, der ſich an die hohen Gebirge anſetzt; die hohen Gebirge ſind die hiſtoriſchen Thatſachen, der friſche Duft, der ſie maleriſch um⸗ gibt, ſind die Sagen, die ſich an die Thatſachen anlehnen.
Aus dieſen Studien Grimm's über Sage und Märchen erklärt ſich auch ſeine, nicht zwar originelle, aber doch höchſt beachtenswerthe Anſicht über das Epos. Seine darauf bezügliche Schrift erſchien 1813 und führt den Titel„Gedanken über Mythos, Epos und Geſchichte.“ Einige Sätze von Grimm über das Epos mögen ſeine Anſicht darüber bekunden.„Zur Entſtehung des Cpos iſt eine hiſtoriſche That nöthig, von der das Volk lebendig erfüllt ſein muß, damit ſich das Mythiſche daran ſetzen kann. So trägt das Epos einen göttlichen und einen menſchlichen Theil an ſich. Jener überhebt es über die bloße Geſchichte, dieſer nähert es ihr wieder und verleiht ihr einen friſchen Erdgeruch. Götter haben ſich zu Helden gewandelt, die Wiedergeburten der Sagen rücken uns immer näher u. ſ. w.“ Aehnliche Gedanken hat wohl ſchon früher der romantiſche Dichter Arnim aus⸗ geſprochen. Aber die Erläuterungen Grimm's über das Epos haben den Vorzug größerer Klarheit und Präciſion für ſich.
B. Nachdem wir ſo in einigen Andeutungen der Verdienſte Grimm's um die Poetik ge— dacht, kommen wir nun zum Kernpunkt ſeiner Verdienſte, nämlich zu denjenigen, die er ſich um die Grammatik erworben. Grimm hat in ſeinem langen Leben ſehr viele bedeutende Werke geſchrieben. Aber als das Hauptwerk ſeines ganzen Lebens, welches ſo recht ſein ſelbſt— eigenſtes Product genannt werden muß, iſt ſeine deutſche Grammatik anzuſehen. Dieſes wahrhaft coloſſale Werk erſchien zwiſchen 1819 und 1837 in vier dicken Bänden und ſteht durch⸗ aus einzig in ſeiner Art da, das herrlichſte Zeugniß deutſchen Fleißes und deutſchen Geiſtes. Keine Nation in Europa kann ſich rühmen, ein auch nur entfernt ähnliches Werk hervorge⸗ bracht zu haben. Der erſte Theil der Grimm'ſchen Grammatik erſchien 1819, die Flexions⸗ lehre enthaltend; der zweite Theil, 1826 und der dritte Theil, 1831 erſchienen, enthalten die Lehre von der Wortbildung; der vierte Theil erſchien 1837 und behandelt die Syntax.
Grimm war natürlich weit davon entſernt, eine Grammatik zum Schulgebrauch zu liefern; daher war es auch nicht nothwendig, die einzelnen Redetheile in der Art zu beſprechen und abzuhandeln, wie es in den Schulgrammatiken zu geſchehen pflegt. Er ſetzt das Alles bei. Denjenigen, die ſeine Grammatik ſtudiren, als bekannt voraus. Die Grimm'ſche Gramma⸗ tik iſt kein Schulbuch, auch nicht für noch ſo weitgehende und noch ſo hochſtehende Schulen, ſondern ein lediglich dem Gelehrtenſtudium und Privatſtudium beſtimmtes Werk, das Werk eines Sprachforſchers, der darin ſeine originellen und bahnbrechenden Anſchauungen über—


