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des Mittelalters und der mittelalterlichen Blüthe anzuſehen iſt, das Nibelungenlied. Vor ihm waren die Studien über dieſes Epos im Allgemeinen dürftig und mager. Einzelne Theile waren wohl herausgegeben und überſetzt worden; auch exiſtirte eine Ausgabe, worin das Ganze in eine Sammlung gebracht worden war; aber es fehlte durchaus an einer kriti⸗ ſchen Ausgabe des Originaltextes. Und wenn auch Grimm eine ſolche nicht ſelbſt lieferte, ſo hat er doch durch ſeine kritiſche Unterſuchung über das Nibelungenlied Veranlaſſung dazu gegeben.— Es ſind insbeſondere drei irrthümliche Anſichten über das Nibelungenlied, welche Grimm widerlegte: 1) daß die Nibelungen, Chriemhildens Rache und die Klage drei Gedichte ſeien; 2) daß dieſe drei Ein Ganzes ausmachten, und 3) daß Konrad von Würzburg ihr Verfaſſer ſei.
Es entſpricht nun nicht dem Zwecke dieſer Abhandlung, die Gründe näher anzugeben, welche Grimm für ſeine Anſicht geltend macht. Nur in Betreff des dritten Punktes wollen wir bemerken, daß er der poſitiven Annahme, daß Konrad von Würzburg der Verfaſſer des Nibelungenliedes ſei, mit der negativen Anſicht entgegentritt, man wiſſe nicht den Verfaſſer. So wohlfeil es nun, oberflächlich betrachtet, ſcheinen dürfte, ſolch eine negirende Behaup⸗ tung aufzuſtellen, ſo beruht dieſelbe doch bei Grimm auf ganz anderen Studien, als die Anſicht Derer, welche den Namen irgend eines Verfaſſers nennen. Grimm behauptet, deß⸗ halb ſei der Verfaſſer des Nibelungenliedes nicht zu eruiren, weil dieſes Gedicht ein Volks⸗ epos ſei, und bei allen Volksepen ſei es und müſſe es der Fall ſein, daß ſich kein beſtimm⸗ ter Verfaſſer nachweiſen laſſe. Grimm hat alſo das Verdienſt, über das Nibelungenlied genaueres Licht verbreitet und ſo den Anſtoß dazu gegeben zu haben, daß ſich in unſerer Zeit mehr Gelehrte mit dieſem herrlichen Nationalepos befaßten, und daß es jetzt ſelbſt zur Schullectüre geworden iſt.
Gerade die Unterſuchung über die Autorſchaft des Ribelungenliedes gab Grimm Veran⸗ laſſung, ſich über Volkspoeſie und Kunſtpoeſie näher auszuſprechen., Er thut dies in ſeinem erſten ſelbſtändigen, 1811 erſchienenen Werke„über den altdeutſchen Meiſtergeſang.“ Grimm war es, der zuerſt den ſtrengen Unterſchied zwiſchen Volks⸗(oder Natur⸗) Poeſie und Kunſtpoeſie betonte und durchführte. Seine Anſicht darüber iſt im Weſentlichen in dem Einen Satz ausgeſprochen: „Man kann die Naturpoeſie das Leben in der reinen Handlung ſelbſt nennen, ein lebendiges Buch, wahrer Geſchichte voll, das man auf jedem Blatte mag anfangen zu leſen und zu verſtehen, nimmer aber auslieſt, noch durchverſteht. Die Kunſtpoeſie iſt eine Arbeit des Lebens und ſchon im erſten Keime philoſophiſcher Art.“ Wenn uns jetzt der Unterſchied zwiſchen Natur⸗ und Kunſtpoeſie ein ſehr geläufiger iſt und als ſelbſtverſtändlich gilt, ſo dürfen wir nicht vergeſſen, daß wir Jakob Grimm die vollſtändige Durchführung dieſes Un⸗ terſchiedes zu verdanken haben.
Was jene Schrift„über den altdeutſchen Meiſtergeſang“ betrifft, ſo iſt dieſelbe pole⸗ miſcher Art, gegen Diejenigen gerichtet, welche Meiſtergeſang und Minnegeſang für etwas ganz Verſchiedenes erachteten(Docen, Hagen und Büſching). Grimm verficht mit großer Entſchiedenheit und mit Glück die Anſicht, daß Minnegeſang und Meiſtergeſang identiſch ſeien. Er beabſichtigte ſogar, dem genannten Werke noch einen zweiten Band hinzuzufügen, um dieſe Frage noch eingehender zu erörtern. Aber es kam nicht dazu. Er war(in Verbindung mit ſeinem Bruder Wilhelm) ſchon ſeit 1806 mit einer Arbeit beſchäf⸗ tigt, die ihn überaus anzog, und die, eben weil er ſich ihr mit ſo großer Luſt widmete, jene Frage in Betreff des Minne⸗ und Meiſtergeſanges in den Hintergrund drängte. Es war die Sammlung von Sagen und Märchen. Schon i. J. 1808 ſchrieb Grimm einen Aufſatz


