Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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Anſtatt nun dem Begründer der hiſtoriſchen Sprachforſchung, deren hohe Bedeutung nach dem bis jetzt Geſagten wohl ſchon einleuchtet, mit allgemeinen Worten eine Lobrede zu halten, wollen wir, da Solches zum Lobe Grimm's jedenfalls mehr beitragen wird, nun ſeine Verdienſte im Einzelnen kurz darlegen, zugleich uns nochmals daran erinnernd, daß all' ſeine Verdienſte, die er ſich um die deutſche Sprache erworben, aus jenem oben genannten Hauptverdienſte, der Begründung der hiſtoriſchen Sprachforſchung, reſultiren.

Ein hiſtoriſcher Sprachforſcher iſt ſelbſtverſtändlich darauf angewieſen, das Mittel⸗ hochdeutſche, Althochdeutſche und Gothiſche und noch weiter die verwandten, zum indo⸗ germaniſchen Stamm gehörigen Sprachen mit möglichſter Gründlichkeit und Genauigkeit zu ſtudiren. Solche Studien hat daher auch, und zwar in ganz eminenter Weiſe, Jakob Grimm gemacht, oder richtiger geſagt: dieſe Studien führten ihn auf den Gedanken einer hiſtoriſchen Behandlung der Sprache. Ein Sprachhiſtoriker aber, zumal einer, der als der erſte auf dieſem Gebiete thätig iſt, hat ſich nicht blos mit grammatiſchen, ſondern auch mit literar⸗ hiſtoriſchen und culturhiſtoriſchen Studien zu befaſſen. Ganz natürlich! Wer eine Wortform oder eine Satzform geſchichtlich verfolgen will, der muß die Schriftſteller kennen, bei denen ſie auftritt, er muß wiſſen, bei welchen ſie am häufigſten vorkommt, welcher Schriftſteller ſie zum erſten Mal gebraucht, bei welchen ſie ſeltener vorkommt und wie ſie allmählich ganz außer Gebrauch kommt u. ſ. w. Nicht minder muß ein Sprachhiſtoriker, wenn er wahrhaft ſein Ziel vor Augen hat, wenn er ſich ſeiner ganzen Aufgabe bewußt iſt, auch mit dem Culturzuſtand des Volkes, deſſen Sprache er hiſtoriſch behandelt, mit deſſen Sitten und Gebräuchen, mit ſeinen religiöſen Anſchauungen ſich vertraut machen. Auch auf dieſem letzteren Gebiete hat Grimm erſtaunlich viel Neues und Intereſſantes zu Tage gefördert. Wir können nun, um die Bedeutung Grimm's für unſere Zwecke näher kennen zu lernen, eine Dreitheilung machen und unterſuchen, was er geleiſtet hat:

A. auf dem Gebiete der Poetik; B. auf dem Gebiete der Grammatik; C. auf dem Gebiete der Lexikographie.

A. Die hauptſächlichſte Zeit der Thätigkeit Grimm's auf dem Gebiete der Poctik fällt in die Jahre zwiſchen 1807 und 1819, wo er in Caſſel lebte. Durch ſeine Stellung als Bib⸗ liothekar der Privatbibliothek des Königs Jérôme hatte er reichliche Gelegenheit und Ver⸗ anlaſſung, ſich mit der Literatur der mittelhochdeutſchen und althochdeutſchen Zeit gründlich und eingehend zu befaſſen. Dieſe war nämlich bis zu Grimm's Zeit ſehr vernachläſſigt, und wenn auch vor ihm wohl die hervorragendſten Geiſter ſich damit beſchäftigten, ſo blieb doch eine ſolche Beſchäftigung allzuſehr auf die betreffenden Perſönlichkeiten beſchränkt, als daß ſie Gemeingut eines größeren gebildeten Publikums geworden wäre. Es läßt ſich daher auch leicht denken, daß bei ſorgfältigerem und tieferem Studium der literariſchen Producte der mittel⸗ und althochdeutſchen Zeit, wie es Grimm ſich angelegen ſein ließ, auch manche An⸗ ſicht über Dichtkunſt und Dichtgattung, die vorher gang und gebe war, als ungenau oder ſelbſt unrichtig verdrängt werden mußte. Der Scharfſinn Grimm's urtheilte über Manches aus der Poetik ganz anders, als ſeine Zeit zu urtheilen gewohnt war. Und er tritt in dieſer Hinſicht mit den größten Talenten ſeiner Zeit, mit Sternen erſter Größe in der Literatur in die Schranken, und ſein Urtheil iſt ein höchſt beſtimmtes und zuverläſſiges, weil auf tiefem Studium beruhendes. Wir wollen hier Einzelnes hervorheben. Grimm machte vor Allem jenes Heldengedicht zum Gegenſtand ſeiner Forſchung, welches als das großartigſte Product