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treten, wenn der Haupt⸗ und Nebenſatz verſchiedene Subjecte haben. Alſo beiſpielsweiſe in dem Satz„Nachdem der Vater geſtorben war, führte der Sohn das Geſchäft fort“, iſt im Lateiniſchen die Participialconſtruction an ihrem Platze. Die deutſche Sprache dagege nmacht (neben zwei anderen Möglichkeiten) gerade die Identität des Subjects im Haupt- und Neben⸗ ſatz zur Bedingung der Anwendung des Participiums. Man erkennt aus dieſen zwei ſehr einfachen Beiſpielen, daß die verſchiedenen Völker auch verſchieden denken, und daß es ſomit nicht zuläſſig iſt, eine allgemeine Logik erſt fertig zu machen, und ſodann deren Geſetze ſtarr und regelrecht auf die Sprache anzuwenden. Darin liegt das Fehlerhafte und Einſeitige der philoſophiſchen Sprachforſchung. Sie leidet, möchten wir ſagen, an einer hier nicht zu billi⸗ genden Idealität.
Um ſo praktiſcher und dabei nicht minder wiſſenſchaftlich iſt die hiſtoriſche Sprach⸗ forſchung. Ihr Begründer iſt Jakob Grimm. Der hiſtoriſche Sprachforſcher betrach⸗ tet die Sprache und ihre Erſcheinungen vom hiſtoriſchen Standpunkt aus, das will ſagen: er verfolgt ſie auf Jahrhunderte zurück bis zu ihrem Urſprung. Die neuhochdeutſchen For⸗ men alſo führt er zurück auf's Mittelhochdeutſche; er unterſucht, wie in der mittelhochdeut⸗ ſchen Zeit die Formen lauteten, die jetzt ſo oder ſo lauten; und vom Mittelhochdeutſchen geht er zurück auf's Althochdeutſche und von da zum Gothiſchen. Schon dieſe paar Andeutungen über den hiſtoriſchen Standpunkt der Sprachforſchung dürften einiges Licht verbreiten über die Qualität dieſes Standpunktes. Es iſt einleuchtend, daß die hiſtoriſche Betrachtung der Sprachformen der allein richtige Maßſtab iſt zur Beurtheilung derſelben. Wir werden uns nur dann über irgend welche ſprachliche Erſcheinung, die wir vielleicht vom Standpunkt der Philoſophie, d. h. einer allgemeinen Logik aus, nicht in Ordnung ſinden, die wahre Auf⸗ klärung verſchaffen und ſie in ihrer jetzigen Geſtalt uns erklären können, wenn wir wiſſen, wie ſie im Mittelhochdeutſchen, Althochdeutſchen und Gothiſchen ſich uns darſtellt. Dann nämlich ſind wir auch im Stande zu ſagen, warum ſie jetzt gerade ſo und nicht anders iſt.
Wenn wir uns zur nochmaligen Verdeutlichung beider Standpunkte, des philoſophiſchen und des hiſtoriſchen, einer Analogie bedienen wollen, ſo erſcheint uns der Vergleich mit dem menſchlichen Körper nicht ganz unpaſſend. Der menſchliche Leib iſt, wie die Sprache, ein wohlgegliederter, lebendiger Organismus. Nehmen wir nun an, ein ſolcher Organismus trete in der Perſon eines erwachſenen Jünglings Zweien aus uns vor Augen. Denken wir uns, der Eine, mit hohen Idealen vom menſchlichen Körper, habe denſelben noch nie in ſeinem Leben zu Geſichte bekommen, der Andere, nicht minder ideal, habe ihn von deſſen früheſter Kindheit an gekannt und ihn ſich zu dem jungen Mann entwickeln geſehen, als der er jetzt beiden entgegentritt. Wer von beiden wird wohl mit mehr Intereſſe jenen jungen Mann betrachten, und wer wird wohl beſſer im Stande ſein, zu beurtheilen, warum er gerade dieſen oder jenen körperlichen Vorzug, oder dieſen und jenen körperlichen Mangel hat? Offenbar derjenige, der ihn von ſeiner früheſten Jugend an kennt. Der Erſtere wird, ſeinen Idealen folgend, vielleicht Nanches an jenem Organismus auszuſtellen haben; er wird ſagen:„Das müßte anders an ihm beſchaffen ſein.“ Der Letztere wird nicht ſagen:„Das müßte anders an ihm beſchaffen ſein“, ſondern„Das könnte wohl anders ſein“, aber nicht„es müßte“, und zwar einfach deßhalb nicht zes müßte,⸗ weil es in Wirklichkeit ſich anders verhält. Jener Idealiſt iſt der Sprachphiloſoph, der Alles von der Höhe einer allgemeinen Logik aus betrachtet und beurtheilt, dieſer praktiſche Beurtheiler dagegen iſt der Sprachhiſtoriker, der jeder Erſcheinung auf den Grund geht, und ſeinen Standpunkt nimmt bei dem Ur⸗ ſprung der Erſcheinung ſelbſt.


