Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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Er geht von dem an ſich richtigen Grundſatz aus: die Sprache iſt der Ausdruck des menſch⸗ lichen Denkens. Auch die Art und Weiſe, wie der Sprachphiloſoph, auf dieſen Fundamen talſatz geſtützt, ſeinen Standpunkt klar macht und rechtfertigt, iſt ohne Zweifel eine geiſtvolle. Sehen wir aber genauer zu, ſo können wir uns der Beobachtung nicht entziehen, daß die menſchlichen Denkgeſetze, in das Syſtem einer allgemeinen Logik gebracht, ſich nicht auf die einzel⸗ nen Sprachen anwenden laſſen. Becker hat in geiſtreicher Weiſe ſein logiſches Syſtem den For⸗ men der deutſchen Sprache vollſtändig anzupaſſen ſich beſtrebt. Die ſpäteren Verſuche aber von Seiten ſeiner Anhänger, dieſes fertige Syſtem auch auf andere Sprachen, z. B. auf das Lateiniſche und Griechiſche, anzuwenden, blieben erfolglos. Wohl könnte man vielleicht hier⸗ gegen den Einwand machen, daß die betreffenden Sprachphiloſophen das Syſtem nicht rich⸗ tig und geſchickt genug angewendet, und daß eine geſchicktere Hand wohl im Stande geweſen wäre, dasſelbe auch den griechiſchen und lateiniſchen Sprachformen anzupaſſen. Wir wollen ſelbſt dieſem Einwand Gerechtigkeit widerfahren laſſen und zugeſtehen, daß ein gewandterer Geiſt, der ſich ganz und gar in dieſe Richtung hineingelebt, vielleicht im Stande ſein dürfte, auch auf dem Gebiete der fremden Sprachen deren mannigfaltige Erſcheinungen in das Syſtem einer fertigen Logik unterzubringen. Aber jeder unbefangene Beobachter wird ſagen müſſen, daß ein ſolches Verfahren eine ſprachliche Künſtelei iſt, und daß auf ſolche Art der Sprache nur Gewalt angethan wird.

Wohl iſt die Sprache der Ausdruck des menſchlichen Denkens, aber wir müſſen hier noch hinzufügen: des individuellen menſchlichen Denkens, worunter natürlich nicht das Den⸗ ken eines Einzelweſens, ſondern die Denkungsweiſe eines einzelnen Volkes, eines einzelnen Stammes, einer einzelnen Gegend zu verſtehen iſt. Wenn man der ſprachphiloſophiſchen Rich⸗ tung inſoweit Berechtigung zugeſteht, als ſie ſich auf gewiſſe ſprachliche Erſcheinungen, die man in allen Sprachen vorfindet, anwenden läßt, ſo hat man Recht. Iſt ja deßhalb auch von einzelnen Gelehrten der Verſuch einer allgemeinen philoſophiſchen Grammatik gemacht worden. Wenn man aber ein allgemein logiſches Syſtem als die abſolute Norm für alle Erſcheinungen einer einzelnen Sprache hinſtellt, ſo iſt man im Irrthum, und wenn man auf möglichſt gewandte Art ſelbſt ſoweit es brächte, einem ſolchen Syſtem wirklich alle Spracherſcheinungen anpaſſen zu können, ſo wäre das etwas Gemachtes und nichts Naturgemäßes.

Daß in Wirklichkeit das eine Volk anders denkt, oder, geradezu geſagt, andere Denkgeſetze hat, als ein anderes, das läßt ſich ſehr einfach nachweiſen, wenn man nur einen flüchtigen Blick wirft auf die Sprache verſchiedener Völker. Wir Deutſche ſagen(um ein ganz triviales Beiſpiel anzuführen):Der Löwe iſt groß, und die Mücke iſt klein. Wir ſtellen alſo dieſe beiden Gedanken einfach nebeneinander und haben ſomit ein zuſammenſtellendes(copulatives) Verhältniß. Der Grieche ſagt:Der Löwe iſt zwar groß; aber die Mücke iſt klein. Er betrachtet dieſe beiden Gedanken als ſich entgegenſtehend; der Grieche beliebt alſo hier das entgegenſtellende(adverſative) Verhältniß, das heißt aber mit andern Worten: er denkt anders, als der Deutſche. Ein anderes Beiſpiel: Die lateiniſche wie die deutſche Sprache hat abgekürzte Nebenſätze; beide Sprachen haben anſtatt des vollſtändigen Nebenſatzes Participialconſtruction. Es fragt ſich nun: Wann iſt es in beiden Sprachen geſtattet, aus einem in ſeiner vollen Form daſtehen⸗ den Nebenſatz einen abgekürzten zu machen? Legen wir den allgemein logiſchen Maßſtab an, ſo müßten beide Sprachen dieſelbe Regel geben. Aber in Wirklichkeit verhält es ſich anders. Die lateiniſche Sprache ſtellt(bei der Participialconſtruction des ſ. g. Ablativus absolutus) die Regel auf: Es darf nur dann(wenigſtens im Allgemeinen) Participialconſtruction ein⸗

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