Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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24 ſtellte Friedrich Wilhelm in wahrhaft königlicher Liberalität ihnen ſelbſt anheim. Im März 1841 ſiedelten Jakob und Wilhelm nach Berlin über und fanden ſich hier ſehr bald heimiſch. In den Jah⸗ ren 1843 und 1844 machte Jakob theils zur Stärkung ſeiner Geſundheit, theils in wiſſenſchaftlichem Intereſſe Reiſen nach Italien und Skandinavien. Im Herbſte 1846 wurde er auf der Verſamm⸗ lung der Germaniſten in Frankfurt a. M., welche wiſſenſchaftlich⸗nationale Beſtrebungen verfolgten, auf Anregung Uhland's zum Präſidenten gewählt, ebenſo auch 1847 in Lübeck. Das Jahr 1848 ſah ihn als Abgeordneten des Wahlkreiſes Mühlhauſen im Frankfurter Parlament, wo er zur Centrumspartei gehörte. Von Herbſt 1848 an verweilte er, kleinere Reiſen ab⸗ gerechnet, ununterbrochen in Berlin. Ein herber Verluſt traf ihn durch den Tod ſeines treuen Bruders und Mitarbeiters Wilhelm, der am 16. December 1859 erfolgte. Im Frühjahr 1863 ſtarb ſein Bruder Ludwig, Profeſſor an der Malerakademie zu Caſſel.

Solch' herbe Schickſalsſchläge erſchütterten auch ſeine eigene Geſundheit, zumal er auch ſchon eine Laſt von 78 Jahren zu tragen hatte. Eine Leberentzündung, die er ſich durch eine Herbſtreiſe zugezogen, machte am 20. September 1863 ſeinem Leben ein Ende. Auf dem Kirchhof der Matthäi⸗Gemeinde wurde er unter allgemeiner Theilnahme von ganz Berlin zur Ruhe beſtattet. Er liegt nun neben ſeinem Bruder Wilhelm, mit dem er ja auch im Leben ſo innigſt vereint war, und ein einfacher Leichenſtein, wie er ſelbſt es gewünſcht, iſt die beſcheidene Zierde ſeines Grabes.

II. Grimm's Verdienſte um die deutſche Sprache.

Dieſem in den Hauptumriſſen gegebenen und, inſoweit es nothwendig und nützlich ſchien, auch mit einzelnen Details dargeſtellten Lebensgange Grimm's laſſen wir nun in ge drängter Kürze eine Beſprechung ſeiner Verdienſte um die deutſche Sprache folgen. So mannigfaltig und vielſeitig ſich nun dieſelben im Verlauf unſerer Abhandlung uns darſtel len werden, ſo laſſen ſie ſich doch ſämmtlich auf Ein Hauptverdienſt zurückführen, worin der Schwerpunkt der wiſſenſchaftlichen Bedeutung Grimm's liegt. Jakob Grimm hat näm lich daß große, unſterbliche Verdienſt, die hiſtoriſche Sprachforſchung begründet

u haben.

1 Die Sprache und ihre Formen laſſen ſich auf eine zweifache Weiſe viſſenſchaftlich be⸗ trachten, philoſophiſch und hiſtoriſch. Man unterſcheidet ſonach eine philoſophiſche und⸗ eine hiſtoriſche Sprachforſchung. Der philoſophiſche Sprachforſcher betrachtet die Sprache und ihre Erſcheinungen vom philoſophiſchen Standpunkt, d. h. vom Standpunkt des menſch⸗ lichen Denkens. Er geht von dem Grundſatz aus, daß die Sprache der Ausdruck des Ge⸗ dankens iſt. Wenn das der Fall iſt, ſo müſſen, ſchließt der Sprachphiloſoph, die ſprachlichen Formen genau den Geſetzen des menſchlichen Denkens entſprechen. Die Erſcheinungen der Sprache ſind dem philoſophiſchen Sprachforſcher der getreueſte Abdruck des menſchlichen Denkens; Sprache und Denken decken ſich gegenſeitig, wie zwei congruente Dreiecke; die ſprach⸗ lichen Formen ſind, ſo zu ſagen, die verkörperten Denkgeſetze. In dieſer Richtung war bahnbrechend der berühmte Karl Ferdinand Becker. Er faßte die Sprache als leben⸗ digen Organismus auf, nicht alſo als einen todten Mechanismus, als ein künſtliches Ma⸗ ſchinenwerk; in der Sprache iſt Geiſt und Leben, weil ſie eben der ſinnlich wahrnehmbare Ausdruck des Geiſtes und Gedankens iſt. Dieſen Anſchauungen zufolge ſubſumirt der Sprachphiloſoph unter die Kategorien des Denkens die Formen der Sprache, und dieſe müſſen nothwendig jenen entſprechen. Betrachten wir dieſen Standpunkt etwas genauer.