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Man würde heute nicht zögern, diese Aufgabe der Schule zuzuweisen; auf diese aber lässt sich Schiller, wie gesagt, nicht ein, von ihr kann er unter den zu seiner Zeit obwaltenden Ver- hältnissen eine so große Wirkung nicht erwarten. Er hält aber ein anderes Mittel in Bereitschaft, durch das er jung und alt zugleich allmählig bilden zu können meint, und dies ist die schöne Kunst in ihren verschiedensten Formen.
Am Schlusse des IX. Briefes“*) lässt sich der Dichter über diesen Gegenstand in folgender Weise vernehmen:„Gib also, werde ich dem jungen Freund der Wahrheit und Schönheit zur Antwort geben, der wissen will, wie er dem edlen Trieb in seiner Brust bei allem Widerstande des Jahrhunderts Genüge zu thun habe, gib der Welt, auf die Du wirkst, die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Diese Richtung hast Du ihr gegeben, wenn Du, lehrend ihre Ge- danken zum Nothwendigen und Ewigen erhebst, wenn Du handelnd oder bildend, das Nothwendige und Ewige in einen Gegenstand ihrer Triebe verwandelst. Fallen wird das Gebäude des Wahns und der Willkürlichkeit, fallen muss es; es ist schon gefallen, sobald Du gewiss bist, dass es sich neigt; aber in dem innern, nicht blos in dem äußeren Menschen muss es sich neigen. In der schamhaften Stille Deines Gemüths erziehe die siegende Wahr- heit, stelle sie aus Dir heraus in der Schönheit, dass nicht blos der Gedanke ihr huldige, sondern auch der Sinn ihre Er- scheinung liebend ergreife. Und damit es Dir nicht begegne, von der Wirklichkeit das Muster zu empfangen, das Du ihr geben sollst, so wage Dich nicht eher in ihre bedenkliche Gesellschaft, bis Du eines idealischen Gefolges in Deinem Herzen versichert bist. Lebe mit Deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste Deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht was sie loben. Ohne ihre Schuld getheilt zu haben, theile mit edler Resignation ihre Strafen und beuge Dich mit Freiheit unter das Joch, das sie gleich schlecht entbehren und tragen. Durch den standhaften Muth, mit dem Du ihr Glück verschmähest, wirst Du ihnen beweisen, dass nicht Deine Feigheit sich ihren Leiden unterwirft. Denke sie Dir, wie sie sein sollten, wenn Du auf sie zu wirken hast; aber denke sie Dir, wie sie sind, wenn Du für sie zu handeln versucht wirst. Ihren Beifall suche durch ihre Würde, aber auf ihren Unwerth berechne ihr Glück, so wird Dein eigener Adel dort den ihrigen aufwecken und ihre Unwürdigkeit hier Deinen Zweck nicht ver-
*) W. W. XV, S. 362 f.


