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im„Spaziergange“ preist, das beweist auch der Umstand, dass Schiller bei Rousseau nicht stehen blieb, wie wir sehen werden. Dass er aber hier nicht stehen blieb, ist ein Zeugnis für seinen ge- sunden Geist, der trotz aller Speculation die Augen für die Wirk- lichkeit offen behielt, die Forderungen des Lebens nicht übersah und aus der Geschichte seiner Zeit zu lernen wusste. Dies macht es auch wahrscheinlich, dass Scharffenstein richtig urtheilt, wenn er sagt, dass Schiller, wäre er kein großer Dichter geworden, ein großer Mensch im activen öffentlichen Leben hätte werden müssen*).
Sehen wir nun zu, in welchem Punkte Schiller einen Fort- schritt gegen Rousseau bedeutet, so fällt uns auf, dass er seinen idealen Zustand nicht hinter uns, nicht bei der Kindheit des Menschenthums sucht, sondern vor uns in einer schöneren Zu- kunft, dass ihm nicht das Ubermaß von Bildung sondern im Ge- gentheile der Mangel an echter Bildung, die durch die Bildung des schlechten Scheines nie und nimmer ersetzt werden könne, die Quelle aller gesellschaftlichen UÜbel ist**).
Belehrt durch die traurigen Erfahrungen der französischen Revolution, hat Schiller die Ü'berzeugung gewonnen, dass die bestehende gesellschaftliche Ordnung keinen Augenblick aufhören dürfe, sei es auch zu dem edlen Zwecke einer besseren Platz zu machen***).
Nicht durch revolutionären Umsturz also, sondern durch überlegte gesetzmäßige Maßregeln will Schiller trachten, dem ihm vorschwebenden Ziele so nahe als möglich zu kommen, wenn es schon— als Ideal— niemals ganz erreicht werden kann.
Dieses eine wichtige Zugeständnis bewahrt Schiller vor dem Vorwurfe, als sei sein Ziel und somit auch seine ganze
*) Vgl. E. Palleske,„Schillers Leben und Werke“ I, S. 142.
**) Vgl. darüber besonders den fünften und sechsten der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. W. W. XV, S. 353 ff.
***) W. W. XV, S. 349(dritter Brief):„Das große Bedenken also ist, dass die physische Gesellschaft in der Zeit keinen Augenblick aufhören darf, in- dem die moralische in der Idee sich bildet, dass um der Würde des Menschen willen seine Existenz nicht in Gefahr gerathen darf“.— Wie Schiller über die Rücksichtslosigkeit der Umsturzmänner dachte, erhellt am besten aus einer Stelle in der Abhandlung„über die nothwendigen Grenzen beim Ge- brauch schöner Formen“, W. W. XV, S. 466:„Wie viele gibt es nicht, die selbst vor einem Verbrechen nicht erschrecken, wenn ein löblicher Zweck dadurch zu erreichen steht, die ein Ideal politischer Glückseligkeit durch alle Gräuel der Anarchie verfolgen, Gesetze in den Staub treten, um für bessere Platz zu machen, und kein Bedenken tragen, die gegenwärtige Ge- neration dem Elende preiszugeben, um das Glück der nächstfolgenden da- durch zu befestigen“.


