Aufsatz 
Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Verlaufe der folgenden Untersuchungen über diesen Gegenstand den Boden der Erfahrung mit Absicht immer mehr verlässt, und wir daher derartige praktische Winke fast ganz vermissen, eine einzige bedeutsame Stelle in den ästhetischen Briefen ausgenom- men, auf die ich am Schlusse zurückkommen werde.

Dass Schillers Untersuchungen über die pädagogischen Grund- fragen von großem Werte sind, und er also ganz wohl zu den päda- gogischen Schriftstellern gerechnet werden kann, wenn er sich auch in die Fragen der elementaren Erziehung fast gar nicht einlässt, sowie dass er als Dichter und Mensch dem Erzieher reichlichen Stoff für seine Zwecke darbietet, ist bereits gebührend gewürdigt.(Vgl. G. Bauer in Schmieds Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens VII, 3. S. 913 ff.) und die Geschichte der Pädago- gik, die ja auch die Anregungen Rousseaus wohl zu würdigen weiß, kann an Schiller nicht gleichgiltig vorübergehen.

Zur Schule selbst steht Schiller freilich in keiner sehr engen Beziehung, man müsste denn an gelegentliche Bemerkungen denken, die er über seine eigene Jugenderziehung macht oder dasjenige in Betracht ziehen, was in den Aufsätzen:Die Sen- dung Moses undDie Gesetzgebuug des Lykurg und Solon in Bezug auf die Schule gesagt ist; doch ist jenes zu belanglos, die beiden Aufsätze aber sind geschichtliche Studien, in denen freilich Schiller die Einrichtungen der Gesetzgeber manchmal zu sehr durch die Brille seines eigenen Ich betrachtet. Warum Schiller sich übrigens mit der Schule nicht näher einließ, was doch bei der Behandlung des Gegenstandes verlockend sein musste, ist leicht einzusehen, bedenkt man, mit welchem Gefähle Schiller sich an die Zeit seines Aufenthaltes in der Akademie erinnert, und sieht man zu, was er von der damaligen Pädagogik überhaupt hielt, mit welcher Härte er sich besonders über die Philantropinen ausspricht*).

Von derartigen Schulen glaubte er, nichts hoffen zu können,

*) W. W. XIV, S. 241. In dem Aufsatze:Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet heißt es:Falsche Begriffe führen das beste Herz des Erziehers irre; desto schlimmer, wenn sie sich noch mit Methode brüsten und den zarten Sprössling in Philantropinen und Gewächshäusern zu Grunde richten. Noch schärfer ist die später ausgelassene Stelle, die darauf in der Thalia folgte:Der gegenwärtige Kitzel, mit Gottes Geschöpfen Christmarkt zu spielen, diese berühmte Raserei, Menschen zu drechseln und es Deukalion gleich zu thun(mit dem Unterschiede freilich, dass man aus Menschen nunmehr Steine macht, wie jener aus Steinen Menschen) verdiente es mehr als jede andere Ausschweifung der Vernunft, den Geißel der Satire zu fühlen.