Aufsatz 
Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes
Entstehung
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Die dritte jener Grundideen, die uns unmittelbar zu unserem eigentlichen Thema führt, ist die, dass jenes Menschenideal, heiße es nun Gottähnlichkeit, schöne Seele, oder wie immer, zu erreichen sei natürlich nur annähernd durch die schöne Kunst.

Und so hätten wir denn drei sich ergänzende Ideen: des Menschen Aufgabe ist, soweit als möglich in sich jene Harmonie zwischen Sinnlichkeit und Geist herzustel- len, auf der allein jeder Fortschritt, jede Bildung ruht. Die wirkliche Erreichung jenes Zieles würde ihn über sich hinausführen und zur Göttlichkeit erheben. Der sichtbare sinnliche Ausdruck jener Harmonie ist(mo- ralische) Schönheit, und der Anblick dieser, ihre Ein- wirkung erleichtert und befördert in dem Menschen die Erreichung jenes erhabenen Zieles.

Dr. Karl Rieger hat in einem Festvortrage über dieses Thema die Priorität unserer letzten Idee, dass nämlich die Schönheit, die schöne Kunst das Bildungsmittel sein solle, Körnern zugeschrieben*). Aber ist es schon von vornherein wahrscheinlich, dass ein solcher Gedanke in dem Künstler, dem Dichter, nicht erst von anderer Seite angeregt zu werden brauchte, so spricht für das Eigenthumsrecht Schillers an diesem Gedanken der Umstand, dass sich derselbe in ziemlicher Klarheit schon in einem Aufsatze des Jahres 1786 findet, allerdings nur mit Rück- sicht auf eine besondere Kunstgattung das Drama. In dem Aufsatze:Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet, heißt es nämlich unter anderem**):Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachtheil der andern gespannt, kein Ver- gnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird.

Was der Dichter hier für die Schaubühne in Anspruch nimmt, konnte er leicht, als sein Blick sich erweiterte, auf das ganze Gebiet der schönen Kunst ausdehnen. Dass Körner zu dieser Verallgemeine- rung mit beigetragen habe, will ich nicht in Abrede stellen.

Die citierte Stelle ist aber auch in anderer Hinsicht noch von Interesse. Sie enthält nämlich Andeutungen darüber, wie sich der Dichter diese bildende Wirkung durch die Kunst hervor- gebracht denkt, und das ist wesentlich, weil der Dichter im

*) Mittheilungen der VereineMittelschule in Wien undDeutsche Mittelschule in Prag I. 1. S. 13 und Anm. 6. **) W. W. XIV, S. 242. f.