Aufsatz 
Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes
Entstehung
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Sinne möglich, darum dürfen die Sinne durch den Geist nicht unterdrückt, vielmehr muss eine gewisse Harmonie zwischen Sinnlichkeit und Geist hergestellt werden, eine Gemeinsamkeit ihrer Bestrebungen. Die Sinne müssen allmählig gewöhnt werden, den Forderungen des Geistes willig entgegenzukommen*). Nur in manchen Fällen von Widerspenstigkeit der Sinne muss sich der Geist durch den Willen die Herrschaft über dieselben sichern. Dies die erste jener Ideen.

Eine zweite Lieblingsidee Schillers ist die, dass der Mensch steter moralischer Vervollkommnung fähig ist, die auf ein Ziel hinweist, das er zwar nie erreichen kann, denn es ist ein Ideal, dem er sich aber immer mehr nähern soll. In der überschwenglichen Begeisterung seiner Jugend nennt er es Gottähnlichkeit, ja Gottgleichheit**). Gottähnlichkeit aber besteht für ihn in nichts anderem, als in der möglichsten An- näherung an jenes ideale Ziel vollständiger Harmonie zwischen Sinnlichkeit und Vernunft. Dichterisch sagt er dies in:Das Ideal und das Leben mit den Worten***):;

Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl; Auf der hohen Stirn des Uraniden Leuchtet ihr vereinter Strahl.

Und so ist denn diese zweite Lieblingsidee Schillers nichts als eine erweiterte Form der ersten.

*) Dass jene Übereinstimmung nicht von Natur aus vorhanden ist, geht aus Schillers Auseinandersetzungen klar hervor. Vgl. im Kallias(W. W. XV, S. 695 ff.) die Geschichte von dem unter die Räuber Gefallenen und die Nutzanwendung davon, besonders S. 697:Denn sie(die moralische Schönheit) tritt nur dann ein, wenn ihm die Pflicht zur Natur geworden ist.

*) W. W. XIV, S. 85.(Philosophie der Physiologie):Gottgleichheit ist die Bestimmung des Menschen. Der Dichter schreckt übrigens auch in den ästhetischen Briefen vor ähnlichen Ausdrücken nicht zurück. Vgl. W. W. XV, S. 377(XI. Brief):Die Anlage zu der Gottheit trägt der Mensch unwider- sprechlich in seiner Persönlichkeit in sich. Auch auf die überraschende Ahnlichkeit dieser beiden Stellen hat Tomaschek bereits aufmerksam ge- macht, dem ich immer gerne folge, wo er die Ursprünglichkeit Schillerscher Ideen gegen angebliche spätere Einflüsse in Schutz nimmt. Dass übrigens Schiller mit einer derartigen Idee nicht allein dasteht, beweisen Stellen aus Goethe's Dichtungen: wie

Halte Dich im Stillen rein

Und lass' es um Dich wettern,

Je mehr Du fühlst ein Mensch zu sein

Desto ähnlicher bist Du den Göttern. vgl. auch das Gedicht:Grenzen der Menschheit.

***) W. W. I,§. 148.