Aufsatz 
Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes
Entstehung
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philosophischen Ansicht, dass der Körper der Kerker des Geistes sei, die Behauptung entgegen, dass jeder geistige Fort- schritt nur vermittelst der Sinnesthätigkeit stattfin- den könne, dass daher jede Unterdrückung des Körpers durch den Geist, diesen selbst schädige*). Daraus aber folgt schon mit zwingender Logik die Nothwendigkeit der Her- stellung jener Übereinstimmung zwischen Geist und Sinnlichkeit, zwischen Kopf und Herz, auf der Schillers ganze Lehre ruht. Aus dieser Anschauung entspringt auch Schillers Abneigung gegen Kants auf dem kategorischen Imperative ruhende Moral, die er als einemönchische verwirft**).

Der Körper und die Sinne sollen sich vielmehr allmählig daran gewöhnen, sich in ihrem eigenen und des Ganzen Interesse dem Geiste bis zu einem gewissen Grade unterzuordnen. Dann hat es der Mensch nicht nöthig, jedem Triebe der Sinne von vornherein zu misstrauen, er kann ihnen vielmehr eine gewisse Freiheit einräumeu, weil er sicher ist, dass sie nicht missbraucht wird. Die erreichte gänzliche Ubereinstimmung zwischen Geist und Sinnlichkeit nennt der Dichterdas Siegel der vollendeten Menschheit und in ihr sieht er das Wesen derschönen Seele***).

Doch diese völlige Ubereinstimmung ist als Ideal niemals völlig zu erreichen, umd deshalb macht der Dichter eine Con- cession, die sein ganzes System zu zerstören scheint und eben nur unter jener Voraussetzung gebilligt werden muss). Er gibt zu, dass es Fälle geben kann, wo der Trieb jene Harmonie zerstören möchte, indem er etwas Vernunftwidriges leidenschaft- lich begehrt. In diesem Falle muss er vom Willen beherrscht werden. Der körperliche Ausdruck dieses Vorganges istWürde. Für diesen Fall gewährt also der Dichter dem kategorischen Imperativ Existenzberechtigung und rettet so das Erhabene, das, wäre jene Harmonie zwischen Sinnlichkeit und Vernunft jemals ganz zu erreichen, in der sittlichen Welt keinen Raum mehr hätte.

Geistiger Fortschritt ist aber nur durch Vermittlung der

*) W. W. XIV, S. 124:Der Körper also der erste Sporn zur Thätigkeit; Sinnlichkeit die erste Leiter zur Vollkommenheit. *) Vgl. die Abhandlung:Uber Anmuth und Würde, W. W. XV, S. 200 ff. Wie tief diese Abneigung bei Schiller wurzelte, beweist eine Stelle in dem Briefe an Goethe vom 22. December 1798:Es ist immer noch etwas in ihm, was einen, wie bei Luthern an einen Mönch erinnert, der sich zwar sein Kloster geöffnet hat, aber die Spuren desselben nicht ganz vertilgen konnte. ***α) W. W. XV, S. 203. ) W. W. XV, S. 205, Würde, Abs. 2.