Aufsatz 
Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes
Entstehung
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flüsse zurückzuführen; namentlich wird die Einwirkung Kants vielfach überschätzt, und Schillers Lehre so dargestellt, als ruhe sie auf den Schultern des Kant'schen Systems, und doch hat Tomaschek schon vor mehr als fünfundzwanzig Jahren mit vollster Berechtigung, jedoch leider mit zu wenig Erfolg, vor der Überschätzung Kant'scher und anderweitiger Einflüsse auf Schillers Denken gewarnt*). Es kann im Gegentheile nicht scharf genug hervorgehoben werden, wie Schillers ganzes System, seine Asthetik sowohl als seine Moral und Erziehungslehre, auf einigen Grundideen ruht, die sich schon in seinen ersten Schriften, also lange vor der Bekanntschaft mit Kants Philosophie finden, und von denen er zeitlebens nicht gelassen hat.

Wenn Schiller einmal von sich sagt, er sei arm an Ideen (in dem Briefe an Goethe vom 31. August 1794)**), so ist dies ebenso wenig wörtlich zu glauben, als wenn Lessing von sich sagt:Ich bin weder Schauspieler noch Dichter, aber beiden Aussprüchen wohnt ein Fünkchen Wahrheit inne. Armut an Ideen wird man Schiller gewiss nicht vorwerfen, aber das Eine ist unzweifelhaft richtig, dass er an einigen längstgefassten Lieblingsideen mit ungewöhnlicher Zähigkeit, unbeirrt durch die verschiedensten Einflüsse, festhält.

Drei Ideen sind es nun hauptsächlich, die Schillers ganze Lehre beherrschen, und sie finden sich, mehr oder minder scharf ausgeprägt, sämmtlich in Schillers ersten prosaischen Schriften.

Unzweifelhaft beeinflusst durch seine medicinischen Studien, wie schon Tomaschek hervorgehoben***), stellt Schiller der

*) K. Tomaschek:Schiller in seinem Verhältnisse zur Wissenschaft. Wien, Gerold, 1862, S. 12 und 17.

**) Die Stelle ist zu charakteristisch für Schillers Entwicklungsgang und Darstellungsweise, als dass ich mir versagen könnte, sie hieher zu setzen: Erwarten Sie bei mir keinen großen materialen Reichthum an Ideen; dies ist es, was ich bei Ihnen finden werde. Mein Bedürfnis und Streben ist, aus wenigem viel zu machen, und wenn Sie meine Armut an allem, was man erworbene Kenntnis nennt, einmal näher kennen sollten, so finden Sie viel- leicht, dass es mir in manchen Stücken damit mag gelungen sein. Weil mein Gedankenkreis kleiner ist, so durchlaufe ich ihn ebendarum schneller und öfter und kann ebendarum meine kleine Barschaft besser nutzen, und eine Mannigfaltigkeit, die dem Inhalte fehlt, durch die Form erzeugen. Sie bestreben sich Thre große Ideenwelt zu simplificieren, ich suche Varietät für meine kleinen Besitzungen. Sie haben ein Königreich zu regieren, ich nur eine etwas zahlreiche Familie von Begriffen, die ich herzlich gern zu einer kleinen Welt erweitern möchte. Auf diese Stelle verweist schon Toma- schek a. a. O. S. 17 und Anm. 22.

2**) a. a. 0. S. 4.