Schillers Ansichten über die Erziehung des Einzelnen und des Volkes.
—;;́;Ö
Schillers Aufsätze über Schönheit, Kunst und Erziehung haben noch lange nicht die Würdigung erfahren, die sie ver- dienen; namentlich in dem nichtgelehrten gebildeten Leserkreise finden sie die gebührende Beachtung in zu geringem Maße. Der Grund hiefür ist leicht zu erkennen: die philosophisch-wissen- schaftliche Hülle, in die der Dichter— namentlich in den letzten Aufsätzen*)— seine an sich leichtfasslichen Gedanken zu kleiden liebt, macht das Erkennen des Kernes schwer, und nur an weni- gen Stellen treten die wenigen alles beherrschenden Ideen klar und deutlich in den Vordergrund. Ebenso ist die Gemeinsamkeit der Ideen, die sich nicht nur in den lyrisch-didaktischen Gedichten Schillers einerseits und den prosaischen Schriften andererseits, sondern auch in letzteren und vielen anderen seiner Dichtungen, die Dramen und dramatischen Entwürfe nicht ausgenommen, findet, noch keineswegs in vollem Umfange gewürdigt.
Es ließe sich ein ziemlich weitläufiger Commentar zu Schil- lers poetischen Werken aus seinen prosaischen herstellen, und so würde Schiller durch sich selbst am besten erklärt**).— Man pflegt neuestens Schillers Ansichten zu sehr auf fremde Ein-
*) z. B.„Uber Anmuth und Würde“,„Über naive und sentimentalische Dichtung“ vor allem aber die Briefe:„Ober die ästhetische Erziehung des Menschen“.
**) Ich verweise hier nur beispielsweise auf zwei solcher Parallelen: Julius an Raphael:(W. W. Hempels Ausgabe XIV, S. 347):„Wozu brauche ich einen Gott, wenn ich ohne den Schöpfer ausreiche?“ Dazu„Don Carlos“ III. 10. W. W. III, S.247:„Wozu Ein Gott? sagt er: die Welt ist sich genug“. Ferner: Julius an Raphael(W. W. XIV, S. 349):„Jetzt erfuhr ich zum ersten Mal, dass meine Aussprüche auf Genuss so vollwichtig wären, als die meiner
übrigen Brüder.— Die ganze Schöpfung ist mein; denn ich besitze eine unwidersprechliche Vollmacht, sie ganz zu genießen“. Dazu das Gedicht: Resignation:„Auch ich war in Arkadien geboren,
Auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeschworen“.
1*


