Aufsatz 
Die Entstehung des ersten Buches der Ilias / von Häsecke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Der Inhalt des erſten Buches der Ilias in der uns vorliegenden Geſtalt verteilt ſich,

wie allgemein anerkannt iſt, auf folgende Abſchnitte:

v. 17 Einleitung;

8 348 Streit zwiſchen Agamemnon und Achill;

348430 Unterredung Achills mit ſeiner Mutter Thetis;

431 492 Zurückſendung der Chryſeis;

493 611 Scene im Olymp.

Es iſt ferner unbeſtritten, daß dieſe Anordnung der Teile eine durchaus angemeſſene, zum Teil ſogar ſehr geſchickte ſei; denn die Epiſode von der Zurückſendung der Chryſeis iſt an eine Stelle verlegt, wo die Haupthandlung durch eine mehrtägige Pauſe unterbrochen und ſomit die beſte Gelegenheit zur Darſtellung einer Nebenhandlung gegeben iſt. Was jedoch den poetiſchen Wert der einzelnen Teile und ihren Verfaſſer betrifft, ſo gehen die Anſichten allerdings ſehr weit aus⸗ einander, ſo weit, daß eine klare Vorſtellung von dem Thatſächlichen hier nur auf Grund einer eingehenden Prüfung der fraglichen Abſchnitte gewonnen werden kann. Das Bedürfnis einer feſten, thatſächlichen Grundlage für die Beurteilung macht ſich am meiſten bei der Epiſode von Chryſeis Zurückführung geltend, da dieſe, wie wir gezeigt haben, den größten Widerſtreit der Anſichten auf⸗ weiſt; wir beginnen daher unſere Unterſuchung mit dieſem Abſchnitt.

Der eigentlichen Erzählung, welche mit 430 anhebt, gehen 3 Verſe vorher, in denen wir erfahren, daß Thetis nach Beendigung der Unterredung mit ihrem Sohn ſich entfernt, jenen aber zurückgelaſſen habe in ſeinem Zorn über die Wegführung der Briſeis, iy za 808 dexoros dæννςρο welche mit Gewalt gegen ſeinen Willen ſie(nämlich die Herolde Agamemnons) wegſchleppten. Vergleichen wir dieſe Worte mit jener Stelle 321348, in welcher die Weg⸗ führung der Briſeis ausführlich behandelt wird, ſo ſcheinen ſie nicht recht zu dem dort vom Dichter dargeſtellten Zuſammenhang zu paſſen. Daſelbſt nämlich erteilt Agamemnon ſeinen Herolden den Befehl ſich nach dem Zelte des Peliden Achill zu begeben und die Briſeis zu holen. Er fügt ſeinem Befehle die Drohung hinzu, daß, wenn Achill ſie nicht hergeben wolle(gutwillig), er ſelbſt(Agamemnon) mit Mehreren kommen und ſie ſich nehmen werde(mit Gewalt). Die He⸗ rolde folgen nur ungern dem unangenehmen Befehle:1 d dexovyre gäãrnv, und als ſie zu Achill kommen, da ſtehen ſie zaudernd: ey ragügare rl edee ea orürny und wagen nicht ſich ihres Auftrags zu entledigen odde ri ger rgoge⸗ G εον°5, 5 0 vo, verfahren alſo durchaus nicht mit Gewalt(64n). Achill ermutigt ſie durch freundlichen Gruß näher zu treten, und weit entfernt, gegen die Boten Aga⸗ memnons ſeinen Unwillen auszulaſſen oder ſich der Wegführung der Briſeis zu widerſetzen, war⸗ tet er gar nicht erſt die Forderung der Boten ab, ſondern in der richtigen Erkenntnis, daß nicht ſie, ſondern Agamemnon ſchuldig ſei, läßt er durch ſeinen Freund Patroklos die Briſeis ihnen zuführen, worauf ſich die Boten mit dieſer wieder entfernen. Von einer gewaltſamen Weg⸗ führung iſt alſo keine Rede; der Fall, auf welchen Agamemnon Rückſicht genommen hatte, daß Achill die Auslieferung verweigern, der Wegführung ſich widerſetzen und dadurch ihn(den Aga⸗ memnon) zur Anwendung von Gewaltmaßregeln zwingen werde(324 325), tritt gar nicht ein. In dem Befehle Agamemnons an ſeine beiden Herolde iſt übrigens auch angedeutet, daß ſie wider den Willen Achills allein nicht im Stande ſein würden die Briſeis gewaltſam zu er⸗ zwingen. Aus dem Geſagten wird daher deutlich ſein, daß weder Agamemnon eine gewaltſame(8%)