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nennt; ein anderer Dichter hätte wahrſcheinlich Ausführungen und Schmuckwerk angebracht, deſſen Abweſenheit jetzt Zeugnis für die gleichzeitige Entſtehung dieſes Abſchnitts mit allem Vorhergehen⸗ den giebt.“ Und S. 107:„die Erzählung entwickelt ſich ohne Zwang, ohne Lücke, ohne Anſtoß im angemeſſenſten Fluſſe der Darſtellung.“— Gegenüber dem Urteile Köchly's behauptet Düntzer,(Homeriſche Abhandlungen. Leipzig, 1872. S. 200), daß unſere Stelle nichts weniger als den Anſchein zuſammengeleſenen Flickwerks habe, er beſchuldigt Köchly des entſchiedenſten Vorurteils, bezeichnet ſeine Kritik als eine Verirrung, ſeine Ausſtellungen als haltlos, ſeinen Eifer als leidenſchaftlich und hält ſeine Behauptungen für frevelhaft.— Hoffmann(Philol. III 1848 S. 196) fordert, man müſſe ihm wenigſtens ſo viel zugeſtehen, daß kein Grund vorhanden ſei, dieſe Fortſetzung als ein aus verſchiedenen Reminiscenzen entſtandenes Flickſtück anzuſehen. Er hält ſie für ein Erzeugnis der noch nicht ermattenden epiſchen Poeſie und meint, daß möglicher Weiſe der Dichter unſeres Stückes das Vorbild für andere Stellen geweſen ſei.— Lauer(Ge⸗ ſchichte der homeriſchen Poeſie S. 207) erblickt in der Verbindung dieſes Abſchnittes 430— 492 mit dem Lachmannſchen(fris-Liede(1—347) ein Lied von vollendeter Schönheit.— Gerlach endlich(Philol. XXX 1871. S. 6) ſucht in dem zweiten Gebete des Chryſes(451—456), ver⸗ glichen mit ſeinem erſten(37— 42), einen wegen ſeiner großen Schönheit bemerkenswerten Ge⸗ dankenreim und zugleich einen Beweis dafür zu erkennen, daß beide Stellen demſelben Dichter angehören. Die 17 Verſe(458— 474), in welcher der heitere Opferſchmaus beſchrieben wird, ſind ihm ein offenbares Gegenbild zur Beſchreibung der Peſt und als ſolches von trefflicher Wirkung. Einer ähnlichen Auffaſſung begegnen wir bei Nägelsbach(a. a. O. S. 107), wenn er ſagt: „Ebenſo entſpricht mit unverkennbarer Abſichtlichkeit die nunmehrige Fürbitte des Chryſes in An⸗ rufung, Motivirung und Bittſtellung bis auf die Verszahl ſeinem Rachegebet v. 27 ff., und indem die beide Male erfolgte Gewährung der entgegengeſetzten Bitten mit demſelben Verſe berichtet wird (43. 457), iſt gerade die Einfalt dieſes Parallelismus ſchön.—
Die gewaltige Differenz dieſer Anſichten, deren ausführlichere Mitteilung den thatſächlichen Mangel an feſtſtehenden, allgemein anerkannten Reſultaten der Forſchung anſchaulich machen ſollte, drängt zu der naheliegenden Frage, welche von den einander widerſtreitenden Meinungen die wahre oder doch wenigſtens der Wahrheit am nächſten liegende ſei. Ganz beſonders muß es für jeden Leſer der Ilias von Intereſſe ſein zu wiſſen, ob er in den Verſon 430— 487 des erſten Buches alte epiſche Dichtung von hohem poetiſchen Wert oder ein ſpätes Flickwerk eines unſelbſtändigen und zugleich ungeſchickten Rhapſoden vor ſich habe. Eine auf Thatſachen gegründete Beantwortung dieſer Frage würde aber auch für die Wiſſenſchaft einige Bedeutung haben, indem ſie dazu bei⸗ tragen könnte, die urſprüngliche Geſtalt des erſten Buches feſtzuſtellen, von welchem noch keines⸗ wegs endgültig entſchieden iſt, ob es das Werk eines oder mehrerer Dichter ſei. Die Wichtigkeit der Frage dürfte es demnach rechtfertigen, wenn im folgenden in erneuter Unterſuchung eine Be⸗ antwortung derſelben zu geben verſucht worden iſt.
Angeſichts der zahlreichen Unterſuchungen, welche ſich bereits mit dieſem Gegenſtande von den verſchiedenſten Geſichtspunkten aus beſchäftigt und ein ſehr reiches Material angeſammelt haben, wird unſere Unterſuchung ſich im Weſentlichen auf den Verſuch beſchränken müſſen, aus dem „bunten Gewirr widerſtreitender Anſichten und Meinungen“ das nachweisbar Thatſächliche auszu⸗ ſcheiden und ſo eine ſichere Grundlage für die Darſtellung des wahren Sachverhalts zu gewinnen.
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