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Es leuchtet ein, daß bei der Schwierigkeit der Aufgabe die erſte Löſung nicht auf völlig richtige Reſultate Anſpruch machen, und daß mit dem Verſuche Lachmanns die Frage noch keines⸗ wegs endgültig entſchieden ſein konnte. In dieſer Erkenntnis hatte denn auch Lachmann ſelbſt im Eingange ſeiner„Betrachtungen über Homers Jlias“ die Hoffnung ausgeſprochen, daß„bei fort⸗ geſetzter und umfaſſenderer Forſchung manches genauer und einiges anders beſtimmt“ werden möchte. Dieſe Hoffnung erfüllte ſich ſehr bald, indem zahlreiche, nach Lachmannſchen Grundſätzen an⸗ geſtellte Unterſuchungen mehrfache Modifikationen der in den„Betrachtungen“ ausgeſprochenen An⸗ ſichten ergaben.
Aber auch auf Seiten der Gegner der Wolf— Lachmannſchen Anſicht wurde eine rege Thätigkeit entwickelt, von welcher ein Blick auf die Homerlitteratur der letzten Decennien den deutlichſten Beweis liefert. Leider iſt es bei allem Scharfſinn, mit welchem die Homerfrage von den verſchiedenſten Seiten aus in Angriff genommen worden iſt, nicht gelungen, abſchließende und übereinſtimmende Reſultate zu erzielen, im Gegenteil hat die eingehendſte Forſchung zu immer ſchärferen Gegenſätzen geführt, welche die Ausſicht auf eine endliche Löſung der Homerfrage in weite Ferne gerückt zu haben ſcheinen.
Gleich das erſte Buch der Ilias, welches den Gegenſtand nachfolgender Unterſuchung bil⸗ det, zeigt einen Widerſtreit der Meinungen, der es leider nur zu deutlich beweiſt, wie weit die Forſchung von allgemein anerkannten und als thatſächlich feſtſtehenden Reſultaten noch entfernt ſei. Worin dieſe für die Wiſſenſchaft wenig erfreuliche Erſcheinung ihren Grund habe, ob ſie, wie einige glauben, eine Folge der Schwierigkeit des zu löſenden Problems oder in der Methode der bisherigen Forſchung begründet ſei, ſoll hier nicht näher erörtert werden; dagegen ſoll ein Beiſpiel, welches zugleich den Ausgangspunkt unſerer Unterſuchung bildet, die gewaltige Differenz der Anſichten über einen nur ſehr kleinen Abſchnitt des erſten Buches anſchaulich machen.
Von den Verſen 430— 487 urteilte Lachmann(a. a. O. S. 4), daß ſie eine Fortſetzung des erſten von der unres Achills handelnden Liedes(1—347) ſeien, ließ es jedoch zweifelhaft, ob ſie urſprünglich mit dieſem verbunden geweſen oder erſt ſpäter von einem andern im Geiſte des erſten Liedes hinzugedichtet wären.— M. Haupt wies in ſeinen Zuſätzen zu den Lachmannſchen Betrachtungen(S. 99) darauf hin, daß viele Verſe dieſer Fortſetzung ſich an andern Stellen der homeriſchen Gedichte wiederfänden, und zog daraus den Schluß, daß der Verfaſſer dieſer Fortſetzung die Hälfte ſeiner Verſe aus Reminiscenzen und Formeln zuſammengeſetzt zu haben alſo nicht iden⸗ tiſch mit dem Dichter des erſten Liedes zu ſein ſcheine.— Köchly(de Iliadis carminibus dis- sertationes. III, p. 14— 16) fügte zu den von Haupt angeführten Stellen noch einige andere hinzu, welche teils aus Jl. und Od. teils aus den homeriſchen Hymnen entlehnt ſeien, und ſprach die Ueberzeugung aus, daß die Verſe 430—487 ein elendes Flickwerk, eine Moſaikarbeit unſelbſtän⸗ digſter und unverſtändigſter Art ſeien. Auch Bäumlein(Zeitſchrift für die Altertumswiſſenſchaft 1848 S. 325), im Uebrigen ein Gegner der Lachmannſchen Anſicht, ſagt, daß die Verſe 430— 487 ohne allen Inhalt ſeien und ſich, verglichen mit der lebendigen Anſchaulichkeit der übrigen Teile, durch eine gewiſſe Magerkeit der Darſtellung, einen epitomatoriſchen Charakter auszeichnen. Die Darſtellung reihe faſt nur die gewöhnlichen Verrichtungen in gewöhnlicher Beſchreibung an⸗ einander.— In dieſer Magerkeit der Darſtellung erblickt Nägelsbach eine beſcheidene Mäßigung, indem er in ſeinen Anmerkungen zur Ilias—III S. 108 ſagt:„Nur(der Verfaſſer des erſten Liedes) war fähig, den Bericht in der beſcheidenen Mäßigung zu halten, welche Bäumlein mager


