Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
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hohen Meiſter gefloſſen iſt; nicht die todte Kenntniß der Farben, des Geſteins und des Moöͤrtels ihrer plaſtiſchen und architektoniſchen Werke, fondern ſelbſtbe⸗ geiſtertes Hinaufſtreben zu dem Geiſte, der ihre plaſtiſchen und architektoniſchen Schoͤpfungen beſeelte.« Allein Alles hat ſeine Zeit, anch das Verſtaͤndniß und der Ueberblick der Satzfuͤgung einer fremden Sprache hat ſeine Zeit. Wird dies aber von den erſten Anfaͤngern ſchon verlangt, ſo muß man mit Thierſch ¹) einſtimmen, der ſich in folgende Klage, freilich etwas zu ſtark, daruͤber aus⸗ läßt:»Es hat ſich in unſerer Zeit eine paͤdagogiſche Methode geſtaltet, die dem Knaben nichts bieten will, was er nicht vollkommen begreift und deshalb in den fruͤhſten Jahren des bewußtloſen Lernens und Wahrnehmens die Verrichtungen eines vollentwickelten Verſtandes von ihm begehrt und vorzeitig in ihm erregt. Wehe der Blume, deren naturgemaͤßes Aufbluͤhen deine Ungeduld nicht erwartet und deren Knoſpe du mit unſanften Haͤnden beruͤhrſt und begreifſt, um die ſchimmernde Huͤlle zu luͤften, hinter der der bunte Schmuck ihrer Blaͤtter noch kaum halbgefaͤrbt verborgen liegt. Du entnimmſt die zarten Bande, welche ſie verknuͤpfen und ziehſt Blatt fuͤr Blatt auseinander, ehe noch ihre Stunde gekom⸗ men iſt, um den geoͤffneten Kelch der Sonne zu zeigen. Einen Augenblick trinkt ſie ihre Strahlen; aber noch zu ſchwach, die Kraft derſelben und den, wenn auch ſanften Hauch der Luͤfte zu ertragen, ſenkt ſie verwelkt das Haupt und buͤßt mit einem ſchnellen Vergehen die unfreiwillige Uebereilung ihrer Natur. Trauriges Schickſal ſo vieler Knaben, eines ganzen Blumengartens der Jugend, das ihnen die Scheinkunſt einer wahngenaͤhrten Erziehungslehre bereitet.« Nach allem bis dahin geſagten glaube ich, man wird wohl daran thun, fuͤr Anfaͤnger die bisherige Einrichtung der lateiniſchen Grammatik, wie ſie ſich in den Werken von Ramshorn, Krebs, O. Schulz, Zumpt ¹²) u. ſ.

1) Ueber gelehrte Schulen Bd. I. pag. 125.

2) Zwar kuͤndigt ſich Zumpt's groͤßeres Werk nicht als Schul grammatik an, will alſo fuͤr eine wiſſenſchaftliche angeſehen ſein. Doch kann ſie dafuͤr ſchon deßwegen nicht gelten weil ſie die Sprachgeſetze nicht ſowohl um ihrer ſelbſt willen hinſtellt, ſondern ſo, daß ſie vor⸗ zugsweiſe fuͤr die Lateinſchreibenden verfaßt zu ſein ſcheinen. Als wenn die Fertigkeit im Lateinſchreiben Zweck und Ziel des Studiums der roͤmiſchen Sprache waͤre, was doch ver⸗ nuͤnftigerweiſe auf Schulen nur als Mittel betrachtet werden kann, zur beſſern Kenntniß, zur moͤglichſten Durchdringung und Bemaͤchtigung der Sprache hinzufuͤhren. In eine wiſ⸗ ſenſchaftliche Grammatik gehoͤrt auch nicht das Unding der Syntaxis ornata, da es blos ſolche Bemerkungen enthaͤlt, die zum Theil in die eigentliche Syntax gehoͤren, zum groͤßeren Theil der Rhetorik anheimfallen. Dieſes principloſe Capitel beizubehalten, dazu iſt Zumpt eben durch ſein Beſtreben gebracht worden, die Lateinſchreibenden ſtets im Auge zu behalten, was ſelbſt in einer Schulgrammatik um ſo weniger noͤthig iſt, da beſondere Werke, die blos dieſen Zweck verfolgen, vorhanden find, wie namentlich die treffliche Anleitung von Krebs. Mit Recht hat Krebs ſtreng den unterſchied beachtet, daß er in ſeiner latein. Grammatik die Sprachgeſetze als ſolche aufſtellt, dagegen in ſeiner Anleitung vom Deutſchen ausgehend dieſelben zum Behuf des Lateinſchreibenden behandelt. Daher gehort er zu den Er⸗