Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
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mit dem Abweichenden zu befaſſen, dies muß er lernen; das in beiden Sprachen Gleiche wird ſich in ſeinem Geiſt ſogleich an das aus der deutſchen Grammatik ihm Bekannte anſchließen, und mit der Auffaſſung der Uebereinſtimmung iſt es auch als Dogma dem Gedaͤchtniß eingepraͤgt. Wenn nun der Schuͤler nur des Verſchiedenen wegen die Grammatik aufſchlagen wird, dann iſt ihm das, was in beiden Sprachen uͤbereinſtimmt, und was er uͤberſchlagen wird, waͤhrend es des Syſtems wegen doch nicht fehlen darf, nur ſtoͤrend, und der Knabe hat ſeine Muͤhe, um die disiecta membra zuſammenzuleſen.

Wenn ich oben die Behauptung ausſprach, nach allem logiſchen Erklaͤren und rein wiſſenſchaftlichem Verfahren bei Anfangern wuͤrden dieſe doch das nur halb Verſtandene nur mit dem Gedaͤchtniß aufnehmen, ſo wird mir dabei der Einwurf gemacht werden, daß Knaben, wenn ſie erſt einige Beleſenheit und Rou⸗ tine erlangt, durch das nach und nach ſich einſtellende Sprachgefuͤhl und Denken in der fremden Sprache allmaͤhlig zum Bewußtſein deſſen gelangen werden, was ſie einſtweilen mnemoniſch bisher beſeſſen hatten. Dieſes iſt nicht zu laͤugnen, doch wird es erſt in den oberen Gymnaſialclaſſen ſtattfinden. Wenn man nun noch zugibt, daß Gymnaſaaſten der oberſten Claſſen faͤhig ſind, unter Anleitung eines dem Gegenſtand ganz gewachſenen Lehrers ſogar ſelbſt den Verſuch einer ſolchen Anordnung der lateiniſchen Syntar zu machen, ſo wuͤrde ja denſelben, die das, was ſie finden ſollen, ſchon im Gedaächtniß haben, die Freude des Selbſtſchaffens vorweggenommen und was viel wichtiger und bedeutungsvoller iſt es wuͤrde das, was als formales Bildungsmittel benutzt werden koͤnnte, abgeſchnitten. Bei Secundanern und Primanern iſt die Faſſungskraft fuͤr abſtracte Verhaͤltniſſe geſchaͤrft, eine reichliche Menge von Faͤllen fuͤr die meiſten Spracherſcheinungen iſt ihnen bereits vorgekommen, ſie haben ſich eine hinlaͤngliche aͤußere Kenntniß der lateiniſchen Sprache erworben, ſo daß ein ſolcher Verſuch als eine treffliche Uebung in den fuͤr die Logik beſtimmten Stunden angeſtellt werden koͤnnte, oder in den der Grammatik gewidmeten Stunden als Voruͤbung fuͤr die Logik anzu⸗ ſehen waͤre. Wenn Weißenborn, Feldbauſch u. ſ. w. fuͤr ſolche Zwecke ihre Grammatiken als Muſter aufgeſtellt oder als Leitfaden fuͤr die Lehrer mit⸗

etheilt haͤtten, ſo koͤnnte man ihnen den Beifall nicht verſagen. Gymnaſtal⸗ ſchüler der oberen Claſſen ſollen in das Tiefere eingefuͤhrt werden; ſie, denen Thierſch vorzugsweiſe die Rhetorik und philoſophiſche Propaͤdeutik mit Recht zugewieſen hat, muͤſſen dahingebracht werden, daß ſie das Verhultmiß von Inhalt und Form vollſtaͤndig erfaſſen. Der Lehrer darf daher auch bei der Interpreta⸗ tion in Prima mit jenem aͤußerlichen Regelwerk, was vorher an ſeinem Platz war, und einigen hiſtoriſchen Erlaͤuterungen nicht glauben, allen Forderungen Genuͤge geleiſtet zu haben, denn»Philologie iſt, wie Herling ſchoͤn ſagt, mehr als Handlangergewerbe, als die Fuͤlle eines zerbroͤckelten lexicaliſchen, gramma⸗ tiſchen, antiquariſchen und hiſtoriſchen Wiſſens; ſie iſt das ſeelenvolle und herz⸗ volle Studium des lebendigen Wortes, wie es ſchaffend von der Lippe jener