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belehrt wird. Der Uuterricht in der Mutterſprache kann daher und muß mit dem Satz beginnen. Wenn nun der Lehrer, dem die Methode klar vor Augen ſteht, Beiſpiele fuͤr eine Spracherſcheinung, die er erlaͤutern will, zuſammenſtellt und vorlegt, auch wohl Ahnliche den Schuͤlern ſelbſt machen laͤßt, ſo finden dieſe meiſtens mit, oft ſogar ohne fondere erleichternde Hinweiſung des Lehrers das Sprachgeſetz heraus, und ſie kommen aus dem halbſchlummernden Bewußt⸗ ſein zur vollen Beſinnung, zum klaren Verſtehen, zum wahren Wiſſen. Mit Recht nennt daher Schmitthenner die Mutterſprache die Sprachmutter. Daß er durch eigene Thaͤtigkeit das Geſetz gefunden, das Allgemeine, wodurch er alle einzelne Faͤlle in allen Beiſpielen, die ihm beifallen, ſich jetzt erklaͤren kann, dies erregt bei dem Knaben jene Freudigkeit, die man als ein Kennzeichen des vollen Verſtaͤndniſſes anſehen darf. Aber man lege einem zehnjaͤhrigen Knaben einen lateiniſchen Satz mit einer vom Deutſchen abweichenden Conſtruction vor; wie iſt es moͤglich, da ihm der fremde, todte Stoff eben erſt dargereicht wird, daß er von den ſprachlichen Formen gleich in ihrer vollen Bedentſamkeit eine er⸗ ſchoͤpfende und lebendige Erkenntniß bekommen koͤnnte? Denn daß die dazuge⸗ fuͤgte Ueberſetzung ſehr unzureichend iſt, laͤßt ſich leicht einſehen. Der Knabe wud trotz des Lehrers Philoſophiren daruͤber zuletzt doch das Halbverſtandene nur mit dem Gedaͤchtniß auffaſſen, und nicht gar feſt wird es ſich ſeinem Ge⸗ daͤchtniß einpraͤgen, da es ihm nicht in einer Form uͤbergeben wurde, welche das Behalten erleichterte. Die Folge wird ſein, daß der Lehrer alsbald die Arbeit von vorn beginnen muß.
Man bedenke ferner, daß bei allem Streben durch philoſophiſche Darſtellung das rein gedaͤchtnißmaͤßige Erlernen der lateiniſchen Sprache, wie dieſes fruͤher gewoͤhnlich geſchah, zwar etwas beſchraͤnkt wird, aber keineswegs beſeitigt werden kann, Wie in der Kunſt, ſo muß auch in der Wiſſenſchaft der Anfang immer mechaniſch ſein. So wie der angehende Bildhauer erſt den Meißel muß hand⸗ haben lernen, ehe er die Geſetze des Schoͤnen ſtudirt, wenn er ein vollendetes Werk hervorbringen will; ſo wird auch bei demjenigen ein philoſophiſches Auf⸗ faſſen niemals gelingen, welcher es verſaͤumt, die Formen und Regeln der Sprache durch mechaniſches Auswendiglernen feſt dem Gedaͤchtniß einzuprägen und ſie mit Fertigkeit anwenden zu lernen. Hoͤgg ¹) z. B. will, der Knabe ſoll zuerſt nur im Allgemeinen mit den Satztheilen bekannt gemacht werden, dagegen ſoll er durch fleißige Leſeuͤbungen Fertigkeit erlangen und die Gedankenformen oder Satzarten nicht aus ihrer grammatiſchen Form, ſondern aus ihrer Bedeutung erkennen lernen. Einestheils wird aber dadurch das Formelle der Sprache zu ſehr in den Hintergrund gedraͤngt und»nichts iſt ſchlimmer, als, wie es ſo oft
1) Ueber die Nothwendigkeit, den lateiniſchen Elementarunterricht zweckmaͤßiger einzurichten. Stuttg. 1839.(mit einer Elementarſyntax der lat, Spr. nach Becker's Syſtem) und in ſeinen latein. Leſeſtuͤcken Vorrede..
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