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gebildet werden und wenn die Declination des Adjectivs mit der des Subſtan⸗ tivs eingeuͤbt wird(von den Zahlwoͤrtern gehoͤrt nur weniges in die Gramma⸗ tik, faſt alles nur in das Lexicon), ſo iſt man bald an dem vollſtaͤndigen Verb angelangt. Wo der Fall ſtatt hat, daß Knaben ſich Jahre lang fortſchleppen, ohne den leichteſten Satz in das Lateiniſche uͤberſetzen zu koͤnnen, liegt der Grund nicht darin, daß nicht mit dem vollſtaͤndigen Verb angefangen wird, ſondern er iſt einzig und allein darin zu ſuchen, daß in der Formenlehre zu lange bei der Aufzaͤhlung der ſpeciellſten Faͤlle, der ſeltenſten Formen verweilt wird; ſonſt muͤßte der ein ſchlechter Lehrer ſein, der nicht im erſten Halbjahr ſeine Schuͤler dahin zu bringen vermoͤgte, daß ſie mit ziemlicher Leichtigkeit Saͤtze ins Latei⸗ niſche und Deutſche zu uͤberſetzen im Stande ſind, deren Schwierigkeit natuͤrlich des Knaben Kraͤfte nicht uͤberſteigen.
Betrachten wir nun die Zweckmaͤßigkeit der Anordnung, welche in den be⸗ ſprochenen Grammatiken befolgt wird, von didaktiſchem Standpunkt, ſo fragt man vor allem:»Was wird dadurch erreicht, wenn in Schulgrammatiken die Syntax auf die oben angegebene Weiſe dargeſtellt wird? Sollen zehnjaͤh⸗ rige Knaben wohl dahingebracht werden, ein wiſſenſchaftliches Gebaͤude uͤberſe⸗ hen zu koͤnnen? Aug. Grotefend z. B. ſcheint dieß zu beabſichtigen ¹). Ich moͤchte bezweifeln, ob ſelbſt die talentvolleren Knaben in dieſem Lebensalter da⸗ zu faͤhig ſind. Und wenn ſie es wirklich errungen haͤtten, was wuͤrden ſie da⸗ durch erreicht haben? Nur den Schematismus; ſie wuͤrden blos erfahren, daß auch in der lateiniſchen Sprache die ausgebildetſte Periode nur eine Entfaltung des einfachen Satzes iſt und daß ſich darin die organiſche Wiederholung der Verhaͤltniſſe des einfachen Satzes erkennen laſſen. Allein wenn ein Unterricht in der deutſchen Sprache nach der Methode, welche von Becker und Herling vorgezeichnet iſt, vor und neben dem Lateiniſchen hergeht 2²), ſo genuͤgt es fuͤr den Anfaͤnger mit wenigen Worten anzudeuten, daß auch in der lateiniſchen, ſowie in jeder Sprache, dieſe Entfaltung ſtattfinden, wie ſie der Knabe in ſei⸗ ner Mutterſprache gefunden und erfaßt hat. Allein dieſes in der fremden Sprache gleich im Einzelnen nachzuweiſen, halte ich im Elementarunterricht nicht nur fuͤr zu hoch gegriffen, ſondern ſogar fuͤr unmoͤglich, dem Knaben begreiflich zu machen. Denn, wenn es auch nicht in Abrede zu ſtellen iſt, daß die einzelnen partes orationis in ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch nur im Satz gefaßt und begriffen werden koͤnnen, ſo muß doch dieſe Methode, bei anſangenden La⸗ teinern angewandt, daran ſcheitern, daß kein urſpruͤngliches Verſtaͤndniß der fremden Sprachformen vorhanden iſt. In der deutſchen Sprache, als Mutter⸗ ſprache, findet ſich dieſes urſpruͤngliche Verſtaͤndniß, nur unentwickelt. Der Schuͤ⸗ ler hat ſeine Mutterſprache laͤngſt gehandhabt, ehe er uͤber die deutſche Syntar
1) Ausfuͤhrl. Gramm. zum Schulgebrauch. Th. I. Vorr. pag. VIII. 2) Daß dieſes jetzt ſo ziemlich uͤberall ſtaltfindet, darf man wohl annehmen.


