Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
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fen. Faſt ſollte man glauben, er nehme ganz und gar keinen vorausgegange⸗ nen Unterricht in der deutſchen Grammatik an und wolle noch, wie es fruͤher zu geſchehen pflegte, allen Sprachunterricht mit dem Lateiniſchen beginnen, um an und mit dieſer Sprache die Deutſche lernen zu laſſen. Ludwig gibt eine Menge von Beiſpielen zur Bildung der einzelnen tempora, ohne jedoch anzuge⸗ ben, wie ſie gebildet werden, und ohne von den verſchiedenen Conjugationen ein Wort zu verlieren; er ſetzt nominale Satztheile hinzu, ohne ſie in einer Note zu erklaͤren, er laͤßt dieſelben in die verſchiedenen Caſus ſetzen, ohne noch von Declination etwas anzufuͤhren. Die Declination des Adjectiv wird§. 76 abgehandelt, aber erſt§. 80. folgt die vollſtaͤndige Stellung der Declination. Ueberhaupt ließe ſich das Urtheil, welches Schmitthenner ¹) gegen das Be⸗ ginnen des deutſchen Sprachunterrichts mit dem Satz mit Unrecht faͤllt, mit mehr Recht und Fug gegen dieſe Methode A. Grotefends und Ludwigs anwen⸗ den:»Wer erkennt nun nicht gleich, daß eine ſolche Methode mit der Narr⸗ heit des Hamlet verwandt iſt, nur mit dem Unterſchied, daß dieſe eine metho⸗ diſche Narrheit und jene eine naͤrriſche Methode iſt.«

Der beßte Ausweg iſt gewiß hier der vermittelnde, wie er fuͤr das Grie⸗ chiſche von Kuͤhner in deſſen Elementargrammatik ausgefuͤhrt vorliegt. Dabei geht er davon aus, daß zur Bildung von Saͤtzen, die einen allgemeinen Gedan⸗ ken, eine Sentenz oder Vorſchrift, eine Sitte und Gewohnheit und dergleichen ausdruͤcken, eine ſehr geringe Zahl von Verbalformen ausreiche, naͤmlich der Indicativ des Praͤſenz, die zweite Perſon des Imperativ im Sing. und Plur. und der Infinitiv im Act. u. Paſſ., woran ſich noch einige Formen des verbum substantivum anreihen. Nachdem dieſe wenigen Formen eingeuͤbt ſind, laͤßt er die Declination und alles Uebrige in der bisherigen Reihenfolge ſich anſchließen. Auf dieſe Weiſe, welche uͤbrigens ſchon lange vorher viele Lehrer ſowohl bei dem lateiniſchen als bei dem griechiſchen Unterricht befolgt hatten, nur oft durch den Gang des eingefuͤhrten Leſebuchs darin ſich gehemmt ſahen, iſt Allem leicht und einfach abgeholfen, und Niemand wird noch entgegnen koͤnnen, was Aug. Grotefend in der Vorrede zur lat. Schulgrammatik pag. VIII. ᷓAußert: » Es iſt nichts ermuͤdender und geiſttoͤdtender, als das mechaniſche Auswendig⸗ lernen der Declinationen, womit der Sprachunterricht nach der alten Weiſe zu beginnen pflegt. Man laͤßt dabei den Schuͤler hewiſſermaaden ſo lange zwiſchen Himmel und Erde ſchweben, bis er, durch Subſtantiva, Adjectiva, Pronomina und Zahlwoͤrter ſich muͤhſelig durcharbeitend, endlich beim Verbum angelangt,

erſt feſten Grund gewinnt. Kein Wunder, wenn auf dieſe Weiſe ſo mancher

Knabe in den untern Klaſſen der Schulen ſich Jahre lang fortſchleppt und doch am Ende noch nicht weiß, wie er den leichteſten Satz in das Lateiniſche uͤberſe⸗ tzen ſoll. Nach Kuͤhners Methode koͤnnen alsbald Saͤtze mannichfacher Art

1) Methodik des Sprachunterrichts. 5