Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
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conſtruirt waͤre. In dieſen Nebenbeſtimmungen iſt der Geiſt eines Volks nach ſeinem Charakter, ſeiner Verhaͤltniſſen, ſeiner Stimmung, ſeiner Weltanſicht in ſeiner ganzen individuellen Weiſe niedergelegt. Nur dadurch gerade iſt die Sprache der Schluͤſſel zu der Gedankenwelt eines Volks, daher iſt jede ſo voll feiner, unerreichbarer Beziehungen und unnachahmlicher Wendungen, welche dem Ueber⸗ ſetzer oft unuͤberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legt. Darin liegt auch ein Hauptgrund, warum das Studium einer fremden Sprache, namentlich einer der alten Sprachen lals Abbild einer ſo ſehr verſchiedenen Weltanſicht] ſo foͤrderlich iſt fuͤr formale Bildung. Denn jeder unuͤberſetzbare, aber in ſeiner vollen Be⸗ deutung verſtandene Ausdruck, jedes neue Bild, jede eigenthuͤmliche Wendung muß den, welcher in dieſe neue Welt hinuͤbertritt, um die Beſtimmung eines Ge⸗ dankenverhaͤltniſſes reicher machen. Auch A. W. Schlegel ſagt ¹):»Blos nach den Grundſaͤtzen der philoſophiſchen Grammatik, ohne das Individuelle und ſelbſt das Willkuͤhrliche zu Hilfe zu nehmen, ließe ſich wohl eine Art logiſcher Chifferſchrift, aber keine lebendige Sprache erfinden,« was mit Wilh. v. Humboldt's Aeußerung) uͤbereinſtimmt:»Vielleicht keine Sprache kann ſich einer vollkommenen Uebereinſtimmung mit den allgemeinen Sprachgeſetzen ruͤhmen. An einem andern Ort ³) heißt es bei demſelben großen Sprachforſcher:»Zwi⸗ ſchen der engſten Kategorie und dem durch das Wort individualiſirten Begriffe bleibt ſtets eine nie zu uͤberſpringende Kluft.« Daß die grammatiſchen und lo⸗ giſchen Kategorien einander nicht voͤllig entſprechen, geht auch daraus hervor, daß Manches, was dieſen zukommt, jenem fremd iſt und umgekehrt. So iſt das Genus der Logik unbekannt, kommt aber der Grammatik zu; ſo geht die Bezie⸗ hung zwiſchen Sprechenden nur die Grammatik, nicht aber die Logik an.

Aus dem Allen geht hervor, daß weder blos die logiſchen, noch allein die grammatiſchen Kategorien fuͤr den Grammatiker, fuͤr den Interpreten nicht ein⸗ mal beide zuſammen, ausreichen. Alſo nach einer a priori conſtruirten Theorie der logiſchen Satzformen allein laͤßt ſich fuͤr keine Sprache eine Syntarx conſtrui⸗ ren, weil die grammatiſche Form in ſo vielen Faͤllen, ja meiſtens, nur einen Theil der logiſchen ausmacht. Geht man aber von den grammatiſchen Formen aus, mit Ruͤckſicht auf die logiſchen, ſo kann das daraus hervorgehende Syſtem eben nur fuͤr die Sprache paſſen, aus welcher daſſelbe hervorgegangen und ent⸗ wickelt iſt. Und hier, glaube ich, iſt das groͤßte Verſehen von den Gelehrten geſchehen, welche in neueſter Zeit die lateiniſche Grammatik in der Lehre von der Satzverbindung mehr die Beſchaffenheit der deutſchen Saͤtze zum Grund leg⸗

1) A. W. Schlegel krit. Schr. Bd. I. pag. 116.

2) W. v. Humboldt in d. Abhandl. d. Berl. Academ. d. Wiſſenſch. Jahrg. 1822. 23. Hi⸗ ſtoriſch⸗philol. Cl. pag. 402.

3) Ueber die Verſchiedenheit des menſchlichen Sprachbaues. pag. CXXV.

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