Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
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Die glaͤnzenden Reſultate, welche ſich auf dem hiſtoriſch⸗etymologiſchen Wege des vergleichenden Sprachſtudiums durch Wilh. v. Humboldt, Bopp, Jac. Grimm, Pott, u. A. m. herausſtellten, haben die Geſtalt, den Zuſammenhang, die Bedeutung der Sprachformen in ein vorher kaum geahntes Licht geſetzt. Durch die Sprachvergleichung ſind wir gleichſam in die Werkſtaͤtte jeder einzel⸗ nen Sprache hineingetreten und ſehen nun, wie bei den Sprachen, welche unter ſich verwandt ſind wie die indo-germaniſchen jede den uͤberkommenen ge⸗ meinſchaftlichen Stoff, welcher ſich in ihnen den lexikaliſchen Lautentwickelungs⸗ geſetzen gemaͤß abſpiegelt, auf ihre eigenthuͤmliche Weiſe, nach eignen Geſetzen weiter ausbildet. Ohne die Sprachvergleichung iſt es oft unmoͤglich, zu unter⸗ ſcheiden, welches Princip bei der Umwandlung vorherrſchte, und welches die Form geweſen, die der umgewandelten zu Grunde lag. Zugleich iſt es fuͤr die Erkenntniß der Sprachentwickelung uͤberhaupt bedeutſam, zu ſehen, wie in allen dieſen Lautumwandlungeu dieſelben Principien walten und wie dieſe zugleich in den verſchiedenen Sprachen ſo verſchiedenartig wirken. Auf dieſem Wege hat Jac. Grimm fuͤr die deutſche Sprache eine Grammatik aufgeſtellt, wie ſich keine Nation einer aͤhnlichen ruͤhmen kann. Der bedeutendſte Gewinn, welchen Grammatiken einzelner Sprachen von der Sprachvergleichung zogen, kam der Formenlehre zu gut.

Auf der anderen Seite ſind Becker und Herling nach dem Vorgang einzelner weniger gelungenen Verſuche, wie der von Bern hardi, als die eigent⸗ lichen Schoͤpfer der Syntax als Satzlehre aufgetreten. Waͤhrend man vor⸗ her die Sprache als aus duͤrftigen Anfaͤngen ausgegangen anſah, die durch aͤu⸗ ßeren Zuſatz allmaͤhlig an Ausdehnung gewonnen habe, die ſogar durch die Grammatiker zu noch hoͤherer Stufe ſollte gefoͤrdert werden koͤnnen; gelangten jene Forſcher, in Uebereinſtimmung mit Wilh. v. Humboldt, zu der epoche⸗ machenden Anſicht, daß die Sprache keine Maſſe willkuͤhrlicher Erſcheinungen, ſondern ein Spiegel des menſchlichen Geiſtes ¹), und, ſo wie dieſer, ein Or⸗ ganismus ſei und als ſolcher dargeſtellt werden muͤſſe. Es correſpondirt da⸗ durch Becker's und Herling's Sprachgebaͤude mit dem großartigen Syſtem, welches Oken und Carus, durch Schelling darauf gefuͤhrt, fuͤr die Natur⸗ wiſſenſchaft auf dem Grundgeſetz aufgebaut haben, welches Carus ¹²) folgen⸗ dermaßen ausſpricht:»Jegliche hoͤhere Entfaltung und Ausbildung eines Or⸗ ganismus wird nur erreicht durch die mannichfaltigſte Wiederholung des ur⸗ ſpruͤnglichen Bildungstypus und zwar in immer anderen und hoͤheren Potenzen

1) Daher kommt es auch, daß bei den beſten neueren Latiniſten, beſonders bei denjenigen, welche, weniger durch engherzigen, ſtrengen Ciceronianismus gehemmt, ſich freierem Erguß uͤberlaſſen, wie Fr. A. Wolf, Wyttenbach, trotz dem correcten Ausdruck doch ihr Stil ein modernes Colorit an ſich träͤgt.

2) Grundzuge der vergleichenden Phyſiologie. Bd. I. pag. 14.