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oder Steigerungen. Ein Geſetz, welchem wir deshalb eine beſondere Wichtigkeit beilegen, weil auf ihm eben der Begriff der organiſchen Metamorphoſe und die Nothwendigkeit der genetiſchen, d. h. der dem Entwickelungsgang der Natur folgenden Methode fuͤr alle Naturwiſſenſchaften gegruͤndet iſt.« Ebenſo erſcheint jetzt durch Becker und Herling die Sprache als ein Organismus, der, von Einem Punkte aus gegliedert, ſich von dieſer Einheit aus zu weiter, reicher und herrlicher Mannichfaltigkeit ausbreitet. Nach Becker ¹) war der erſte Act der Intelligenz ein ganzer Gedanke und das erſte Wort ein ganzer Satz, wie auch jetzt noch das erſte Wort des Kindes ein ganzer Satz iſt. Alle Bildung in der Sprache geſchieht dadurch, daß die in einer Einheit unentſchieden liegenden Ele⸗ mente in einen organiſchen Gegenſatz auseinander treten und ſich auf dieſe Weiſe individualiſiren. Durch eine fortgeſetzte Individualiſirung entwickelt ſich aus we⸗ nigen Grundlauten die ganze Mannichfaltigkeit der Sprachlaute und aus weni⸗ gen Grundbegriffen die unendliche Mannichfaltigkeit der in der Sprache ausge⸗ druͤckten Begriffe. Die Sprache geht in der Entwickelung von Begriff und Laut von der groͤßten Unbeſtimmtheit und Allgemeinheit aus und ſchreitet ſtufenweiſe fort zur hoͤchſten Beſtimmtheit und Beſonderheit. Es individualiſiren ſich aber nothwendig entweder die Laute, welche Entwickelung durch die organiſche Laut⸗ bildung, oder die Begriffe, welche Individualiſirung durch die organiſche Wort⸗ bildung, oder die Saͤtze in der lebendigen Rede, welche Sprachentwickelung durch die organiſche Satzbildung abgehandelt wird.
Es war ſehr natuͤrlich, daß viele Maͤnner, welche ſich mit ihren Studien der lateiniſchen und griechiſchen Grammatik zugewandt hatten, da ſie das Un⸗ wiſſenſchaftliche der bisherigen Sprachlehrgebaͤude ahnten, begierig und freudig der von Becker und Herling vorgetragenen Fackel folgten und von dem vor⸗ zugsweiſe fuͤr die deutſche Sprachlehre Gewonnenen durch Uebertragung deſſelben auf die lateiniſche und griechiſche Grammatik dieſer eine wiſſenſchaftliche Geſtalt zu geben hofften. Ja, man ging ſchnell noch weiter, und, um auch der liebe Jugend von den eben gewonnenen Fruͤchten moͤglichſt bald etwas zukommen zu laſſen, wie es denn gewoͤhnlich geſchieht, man verfaßte ſogleich Schulgrammatiken, wel⸗ chen man denſelben Zuſchnitt aufzwang, in welchem Becker und Herling die deutſche Grammatik dargeboten hatten.—
Betrachten wir dieſe Beſtrebungen, die lateiniſche Grammatik in das Fach⸗ werk der Becker'ſchen deutſchen Grammatik hineinzupaſſen, wie es zuerſt von Aug. Grotefend 2), dann von Billroth ³), Feldbauſch ¹), Grieben ⁵),
1) Organismus der Sprache§. 7. folgg.
2) Aug. Grotefend, latein. Schulgrammatik. Hannover 1837.
3) Billroth, latein. Schulgrammatik fuͤr alle Claſſen. 1834.
4) Feldbauſch, latein. Schulgrammatik fuͤr die mittleren und oberen Gymnafialclaſſen, Heidelberg 1837..
5) Grieben, neue Darſtellung der verſchiedenen Satzarten und Satzverbindungen der latein. Sprache, fuͤr den Unterricht entworfen. Berlin 1831..


