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Plötzlich erscheinen zwei Engel, welche die Wächter töten. Christus steigt aus dem Grabe und nahet sich, mit dem Kreuze in der Hand, unter Vortritt eines Engels den Pforten der Hölle. Kaum hat er an dieselben gestossen, so öffnen sie sich und Adam mit allen andern dort Befindlichen kommen mit Gesang entgegen und werden in das Paradies geführt.
Den zum Grabe kommenden Frauen verkündigen die Engel Christi Auferstehung. Während die anderen forteilen, bleibt Maria Magdalena. Plötzlich erscheint ihr Jesus unter der Gestalt des Gärtners und wird von ihr an der Stimme erkannt. Petrus richtet hierauf an Maria Magdalena die Frage, was sie gesehen habe, worauf sie erwidert:„Christi Grab.“ Nachdem die Apostel Christi Auferstehung bekräftigt, geht derselbe in das Paradies ein.
Die kulturhistorische Wertbestimmung der geistlichen Spiele wird ebenso wie ihre künstlerische und poetische eine unrichtige, wenn sie sich auf eine Vergleichung mit dem antiken oder modernen Drama stützt. Den Gesetzen des Aristoteles, welche dort zur Grund- lage gemacht werden, schenkten die Verfasser der geistlichen Spiele keine Beachtung.
Die geistlichen Spiele der Deutschen im Mittelalter sind eine eigenartige Schöpfung. Sie waren ein Erziehungsmittel und hatten die Aufgabe, dem des Lesens und Schreibens wenig kundigen Volke in frischer, lebendiger Darstellung das Verständnis für die wichtigsten Begebenheiten der heiligen Geschichte zu vermitteln und dadurch die religiöse Bildung zu fördern.
Ihre Entwickelung vollzog sich nicht ohne lebhafte Beziehungen zu anderen Zweigen der christlichen Kunst, namentlich der Malerei und Skulptur, welche ihren Ausdruck zum teil in den Personengruppierungen auf Bildern und Altarschreinen finden, die eine grosse Aehnlichkeit mit denen haben, die bei geistlichen Spielen auf der Bühne stattfanden. Die geistlichen Spiele sind lebendig gewordenen Bildern nicht unähnlich.
Ihre Blüte verdanken sie einer religiösen Stimmung des deutschen Volkes, die so mächtig geworden war. dass das Volksleben im Kirchenleben aufging. Darum entbehren sie auch nicht eines gewissen nationalen Zuges, namentlich in der Behandlung des Charakters Christi. Gleich wie im„Heliand“ Christus als ein reicher, mächtiger, milder deutscher Volkskönig erscheint, ohne dass seine göttliche Würde als Himmelskönig beeinträchtigt wird, so ist auch in den geistlichen Spielen Christus dem Volke menschlich näher gebracht, vindem er sich genau in denjenigen Formen bewegte, welche den deutschen Verhältnissen, ja, den Verhältnissen der jeweiligen Zeit genau entsprachen.“
Die Kritik hat über den poetischen und dramatischen Wert der geistlichen Spiele ein wenig günstiges Urteil gefällt. Man betrachtet sie als eine rohe Entwickelungsstufe des deutschen Dramas, der poetischer Sinn und Verständnis für die dramatische Technik fehle. Allein es lässt sich an einer Anzahl geistlicher Spiele nicht unschwer nachweisen, dass ungeachtet des schwerfälligen Dialoges und der vielfach mechanisch aneinandergereihten Bilder die Anordnung oft eine tief durchdachte ist, dass die Auswahl der Scenen nach einem fein berechneten Plane geschah, und die Katastrophe in verständiger Weise vor- bereitet wird.
Mag auch der verwöhnte Geschmack unserer Zeit an den Stoffen der geistlichen Spiele wenig Interessantes und Neues finden: das grosse Erlösungswerk. das auf Golgatha endigte, ist der höchste dramatische Gegenstand und alle Stände und Geschlechter konnten


