Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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über die leibliche und geistige Natur des Menschen. Nachdem so die für das grosse Werk erforderlichen Eigenschaften an den beiden beteiligten Hauptfaktoren genügend geschildert sind, beginnt das Erlösungswerk selbst, und die Darstellung eilt, in rascher Aufeinanderfolge der Handlungen, der Katastrophe zu.

Das Spiel hat neun Handlungen und beginnt mit einem Prologe des Kirchenvaters Augustinus, durch den der Präcursor den Inhalt des Stückes ankündigt.

Erste Handlung.

Jesus und Maria, von dem Bräutigam zur Hochzeit geladen, nehmen unter den Gästen Platz. Nachdem Jesus durch Maria von dem eingetretenen Weinmangel Kunde erhalten hat, heisst er die Diener sechs Krüge mit Wasser füllen und sie dem Speisemeister zum Kosten vorsetzen, der den Trank vorzüglich findet.

Johannes der Täufer tritt auf, verkündigt die Ankunft Christi und des Reiches Gottes und fordert die Juden auf, sich taufen zu lassen.

Christus erscheint und verlangt von Tölanne getauft zu werden, was dieser nach einigem Zögern thut.

Der Teufel versucht Christus, ingem er ihn zuerst auf die Zinne des Tempels und dann auf den Berg führt. Auf die Worte Christi:Dominum tuum adorabis entflieht der Teufel und die Engel stimmen den Gesang: Sanctus etc. an.

In wohlberechnetem Kontraste zu dem vorigen Auftritt erscheint jetzt Magdalena in Begleitung von zwei jungen Leuten, tanzt und singt und weist alle Ermahnungen Marthas zurück.

Jesus kommt zu Petrus und Andreas, die mit dem Waschen ihrer Netze beschäftigt sind, und fordert sie auf, Menschenfischer zu werden.

Abermals tritt Magdalena hoffärtig und übermütig ein und erwidert auf die Er- mahnungen der Martha, sie halte nur das Alter ab, ihr es gleich zu thun.

Zweite Handlung.

Wieder tritt der Kirchenvater Augustinus auf und kündigt den Inhalt der Hand- lung an.

Die Juden erscheinen mit einer Frau vor Jesus. Rufus, ¹) der Repräsentant des hart- herzigen, starren Judentums wünscht Rat, was mit derselben, da sie die Ehe gebrochen, geschehen solle, worauf Jesus sich niederbückt und die Worte: Si quis vestrum etc. auf die Erde schreibt. Sobald die Juden dieselben gelesen haben, eilen sie beschämt davon.

Maria Magdalena erscheint mit allen Zeichen üppiger, sündlicher Weltlust, schenkt aber jetzt den Ermahnungen Marthas Gehör und bekennt reumütig ihre Sünden.

Jesus folgt der Einladung Simons, des Aussätzigen, zum Gastmahl, bei dem Martha mit ihrer Schwester erscheint, und ihr den Trost giebt, Jesus sei der beste Ratgeber der Reuigen. Maria bekennt ihre Sünden und empfängt den Nachlass derselben. ²)

¹) Rufus, der Rothaarige, wie es scheint, mit Beziehung auf Judas, den Verräter, der von den Malern mit rotem Haare dargestellt zu werden pffegte.

²) Das Sündenbekenntnis macht Maria zur Repräsentantin der sündigen Menschheit, die in Christus

den Heiland der Sünder anerkennt. Damit das erwartungsvolle Schweigen, mit dem die bussfertige Sünderin auf die Vergebung Christi harrt, nicht gestört werde, singt ein Engel dreimalsilete.