Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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Nachdem die Schauspieler und Zuschauer sich am Morgen des Festtages in der Kirche versammelt haben, begeben sie sich, in feierlicher Prozession, zu der auf einem freien Platze, gewöhnlich dem Marktplatz, errichteten Bühne.¹) Sofort werden die Schauspieler von dem Präcursor, in der älteren Zeit auch Prädikator oder Expositor Ludi genannt, auf die Bühne geführt und ihnen die Plätze nach den Handlungen, in denen sie aufzutreten haben, an- gewiesen. Um die Gemüter für die nahe Aufführung in feierliche Stimmung zu versetzen, geschah die Verteilung derselben oft unter Begleitung von Musikinstrumenten. Hierauf wird von der ganzen Versammlung das Lied: Veni, sancte spiritus angestimmt, nach dessen Beendigung der Präkursor unter der Gestalt eines Heroldes oder eines Heiligen seinen Plat⸗ besteigt. Derselbe war, weil ihm die Leitung des Stückes zufiel, erhöht, was bei der mangel- haften Technik der älteren Zeit durch ein aufgestelltes Fass erreicht wurde. Deshalb wurde auch der Standort selbstdolium genannt. Von hier aus ruft er der Versammlung, darin manche, gewiss nicht ganz geräuschlos, ihre Plätze suchen, ein durchdringendes:Silete, silete, silentium habete zu²) und beginnt mit dem Vortrage des Prologes. Derselbe vertritt im Mittelalter die Stelle eines Theaterzettels, indem er in kurzen Zügen den Hauptinhalt des Stückes entwickelt und die auftretenden Personen den Zuschauern gleichsam vorstellt.

Das Stück selbst zerfiel in Handlungen und diese in Auftritte; jene werden häufig durch das Auftreten eines Vorredners oder speciellen Prologes angedeutet, diese aus der Einrichtung des Stückes entnommen, da die Verfasser sie nicht anzugeben pflegten. Oefter trat auch nach Beendigung des Spieles ein Conclusor auf, dem die Aufgabe zufiel, für die bei der Aufführung vorgekommenen Fehler um Nachsicht zu bitten oder an die Zuschauer die Ermahnung zu richten, den Inhalt des Stückes beherzigen zu wollen. Hierauf bewegte sich die Versammlung in der nämlichen feierlichen Prozession, in der sie gekommen war, nach ihrem Ausgangspunkte, der Kirche, zurück.

Zur besseren Veranschaulichung des Gesagten lassen wir eine Uebersicht über den Inhalt des Schauspieles:Das Leben Jesu[Mone, Schauspiele des Mittelalters I, 72] folgen.

Das Spiel enthält das Leben des Heilandes nach seinem ganzen Verlaufe, von seinem öffentlichen Auftreten bis zur Auferstehung, in einer Anzahl aneinandergereihter Bilder.

Die dem Stücke zu Grunde liegende Absicht ist die Veranschaulichung des Erlösungs- werkes, der sich auch die Anordnung der Handlungen und Auftritte anpasst. Der Verfasser hat nicht alle in den Evangelien enthaltenen Scenen dargestellt, sondern nur die seinem Zweck entsprechenden ausgewählt und die Auftritte der ersten Handlung in der Absicht gruppiert, die Vorbereitungen für das Erlösungswerk darzustellen. Deshalb erscheint die Hochzeit zu Kana vor der Taufe und Versuchung, aber auch um einen wirksamen Kontrast zu der im Verhalten Maria Magdalenas liegenden Missachtung der Ehe hervorzubringen. Die zweite Handlung soll den Menschen mit den Vorbedingungen ausgerüstet darstellen, auf deren Grundlage die Erlösung erfolgen kann. Die dritte Handlung zeigt Christus als den Herrn

¹) Deshalb heisst die Bühne selbstPlatz oderPlan. Auch kommen die Benennungenspilastat Spilahus und im vierzehnten Jahrhundertspilhof vor.

²) So oft bei der Verlegung des Schauplatzes in eine andere Abteilung durch das Nachdrängen der Zuschauer Getöse entstand, ertönte derselbe Zuruf. Oefter richtete er sich an die Schauspieler selbst oder wurde in wichtigen Momenten erhoben, um die Aufmerksamkeit auf einen besonders bedeutungsvollen Aus- spruch zu lenken.