Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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bewegt und sprach: Was ist denn der Christen Glaube? Will sich Gott nicht erbarmen über uns, der Bitten Mariä und aller Heiligen? Und ging zur Wartburg und war zornig wohl fünf Tage und die Gelehrten konnten ihn kaum beschwichtigen, dass er das Evan- gelium verstund und darnach schlug ihn der Schlag von dem langen Zorn, dass er drei Jahre zu Bette lag. Da starb er, als er fünfundfünfzig Jahre alt war.¹)

Die in einer Erfurter Chronik enthaltene Nachricht, dass dieses Spiel von Klerikern und ihren Schülern aufgeführt worden sei, legt die Vermutung nahe, dass es ein lateinisches Stück gewesen sein könne. Allein es ist kaum anzunehmen, dass der Landgraf ein so hohes Verständnis für die lateinische Sprache gehabt habe, wie es die gewaltige, erschütternde Wirkung auf das Gemüt desselben zur Voraussetzung haben muss.

Ein anderer Bericht aus dem Jahre 1412 meldet die Aufführung eines geistlichen Spieles von der heiligen Dorothea auf dem Markte zu Bautzen, wobei dreiunddreissig Zu- schauer, die auf dem Dache des Löbau'schen Hauses ihre Plätze gefunden hatten, bei dem Einsturze desselben zerschmettert wurden. Wir besässen aber gewiss noch viel mehr Nach- richten über stattgehabte Aufführungen, wenn nicht die Chronisten nur die mit tragischen Ereignissen verbundenen berichtet hätten.

Mone ²) teilt mit, dass am 24. Januar 1417 während des Konzils zu Konstanz ein Dreikönigsspiel, dessen Text lateinisch war, durch die englische Geistlichkeit aufgeführt wurde.

Im fünfzehnten Jahrhundert nahm die Zahl der Aufführungen zu, ohne jedoch, wie dies in Spanien, Frankreich und England der Fall war, im Volke eine förmliche Leiden- schaft hervorzurufen, so dass dort gewerbsmässige Darstellungen durch selbständige Korpo- rationen stattfanden.

Wollen wir uns ein Bild von der Bühne, dem scenischen Apparate und von der Auf- führung dieser Stücke machen, so dürfen wir an die grossartigen Mittel, welche unserer modernen Bühne zur Verfügung stehen, nicht denken. Zwar ist von den kleinen, unbedeutenden Anfängen des geistlichen Spieles bis zu der Zeit, aus welcher wir Nachrichten über statt- gehabte Aufführungen besitzen, ein gewisser Fortschritt nicht zu verkennen; doch stehen die Spiele in Deutschland, was Einrichtung und Pracht der Bühne, und Kostüm der handeln- den Personen betrifft, hinter dem in Frankreich im allgemeinen Gebräuchlichen weit zurück. Verschiedene französische Städtechroniken berichten von einer Dekorationsmalerei, durch welche dort der theatralische Effekt unterstützt wurde; bald war der Himmel heiter und mit Sternen besät, bald bewölkt; die Bäume des Paradieses grünten und Wolken entführten die Apostel.

Diesen Leistungen einer ausgebildeten Maschinerie entsprach dort auch die Einrichtung der Bühne, welche aus einem Podium bestand, dessen Hintergrund ein Aufbau aus mehreren Stockwerken bildete.²) In dem untersten Stockwerke befand sich die Hölle, das mittlere stellte die Erde und das oberste den Himmel, den Wohnsitz Gottes und der Engel dar. Auf beiden Seiten, hinter dem Gerüste vermittelten Treppen die Kommunikation mit den ver- schiedenen Abteilungen. Für den Gebrauch einer derartigen künstlich eingerichteten Bühne bieten

¹) Alt,Theater und Kirche. pag. 336.

²) Schauspiele des Mittelalters 1,137.

³) Bei einer Aufführung zu Metz im Jahre 1427 bestand derselbe aus neun Stockwerken. Devrient, Geschichte der deutschen Schauspielkunst, 1, 57.