Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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Wie ist so bleich dein Angesicht! Den Auserwählten, Hochgeborenl! An deinem Leib ist Ganzes nicht. Wer Lieb vom Kinde je gewann, [Nach dem Tode des Heilandes.] O weh, der lasse sich erbarmen,

O weh, ich hab mein herzliebs Kind verloren, Maria der vielarmen.

Seitdem die deutsche Sprache in den geistlichen Spielen angewendet wurde, wuchs das Interesse an denselben so sehr, dass man sich an den herkömmlichen Weihnachts- Passions- und Osterspielen nicht mehr genügen liess, sondern das ganze Leben Jesu, die Legenden und Heiligengeschichten, später auch die ganze heilige Geschichte von der Er- schaffung der Welt bis zu der Erlösung durch Christus dialogisch bearbeitete. Dem aus- gedehnten Inhalt entsprach eine vergrösserte Zahl von Darstellern, die nicht immer aus der Geistlichkeit oder den Klosterschülern beschafft werden konnte. Man nahm die Hilfe der Laien immer mehr in Anspruch, die allmählig ein neues Element, die volkstümliche Komik mit ihren mannigfaltigen Schattierungen auf die geistlichen Spiele übertrugen. Die der kirchlichen Einrichtung angepasste Bühne konnte die Darsteller nicht fassen und auch das Volk, dessen Interesse an der gewaltigen Tragik der Passionsspiele immer lebhafter wurde, fand in der Kirche keinen Platz. So musste man sich entschliessen, den Schauplatz vor die Kirche, auf den Kirchhof oder einen freien Platz in der Nähe der Kirche zu verlegen.

Mit diesem Zeitpunkt treten die geistlichen Spiele in eine neue Entwickelungsepoche ein, deren Schwerpunkt in der allmähligen Loslösung von der Liturgie liegt, die im vier- zehnten und fünfzehnten Jahrhundert vollzogen ist.

Die nächste Folge dieser Trennung besteht darin, dass die Dichter sich von dem Stoffe emanzipieren und ihre von den liturgischen Vorschriften befreite Phantasie immer grösseren Spielraum gewinnt. Die lateinische Sprache, die bis zu diesem Zeitpunkt in den geistlichen Stücken noch immer die herrschende ist, wird verdrängt, und an ihre Stelle tritt die deutsche Sprache, ein Moment, der das Eindringen des Volksmässigen und Komischen in die geistlichen Spiele wesentlich erleichterte.

Die Vermischung des Ernsten und Heiligen mit dem Komischen ist eine hervorstechende Eigentümlichkeit des Mittelalters, die sich auf den verschiedensten Gebieten der Kunst zeigt. An vielen Baudenkmälern aus dieser Zeit, selbst an den heiligsten Orten, an Kanzeln und Chorstühlen, werden allerlei Fratzen und Tiergestalten angebracht und dabei auch der geist- liche Stand nicht geschont. Diese Richtung hat sich auch in den geistlichen Spielen aus- geprägt, jedoch so, dass der nationale Charakter für die Entwickelung derselben aus- schlaggebend war. Die Neigung der romanischen Völker zur Zeit des Mittelalters, an die Stelle des Komischen das Frivole und Gottlose zu setzen, die ihren Höhepunkt in den orgienartigen Feiern der Narren- und Eselsfeste erreichte, teilten die Völker germanischer Art nicht.

Der Grundzug der komischen Elemente in den geistlichen Spielen der Deutschen liegt in dem Bestreben, das wirkliche Leben mit seinen mannigfaltigen Gegensätzen nachzu- ahmen. Die Absicht, das Publikum zu unterhalten, tritt nur in untergeordneter Weise hervor. Auch beruht manches, was darin komisch erscheint, auf einem uns fremden Sprachgebrauch, anderes dagegen ist der Ausfluss der Naivität, Ungeschicklichkeit oder Roheit jener Zeit.

In den Osterspielen entstand im Anschluss an die Worte: emerunt aromata(Mark. 16, 1) aus den einfachsten Anfängen mit Hinzufügung neuer Rollen die ausgedehnte Krämer-