Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

In dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert, der Blütezeit des Minneliedes, herrschte ein wahrer Frauenkultus, welcher mit der ritterlichen Zucht und Ehre, mit der feinen Sitte und edlen Zier des Rittertums auf der einen, und mit der Innigkeit und Lebendigkeit des christlichen Glaubens und kirchlichen Lebens auf der anderen Seite auf das genaueste ver- bunden war.¹)

Aus dieser Zeitrichtung ging, neben der weltlichen Minne, die geistliche Minne und aus dieser ein mächtig aufblühender Marienkultus hervor, der mit besonderer Vorliebe die dichterische Form der Klage wählte. Die Marienklagen wurden vorzugsweise am Charfreitag, der als Tag der Busse und des Fastens nach altchristlicher Anschauung für eine grössere poetische Feier ungeeignet erschien, zur Aufführung gebracht. Sie bestanden in einem meistens gesungenen Dialoge zwischen der klagenden Maria und Johannes, der sie in ihrem grossen Schmerze zu trösten sucht. Oefter trat als dritte Person auch der gekreuzigte Heiland oder Petrus hinzu..

Während der dramatische Wert der Marienklagen nur ein geringer ist, zeichnet sich ihr Inhalt durch eine Tiefe und Innigkeit des Gefühles aus, die oft von erschütternder Wirkung ist.

Zur Bestätigung des Gesagten mögen die folgenden Proben in neuhochdeutscher Uebertragung dienen. ²)

Maria: Sieh', wir wären verloren gar, O weh, Tod,. Reine Mutter, das ist war, Diese Not Wenn er nicht litte diese Not Magst du mir wohl enden, Und diesen bitterlichen Tod. Willst du von dir. Maria:

Her zu mir

. Ein Schwert mir verheissen war Deine Boten senden! 3

Von Simeonis Munde,

O weh, Kind, Herr Jesu Christ, da ich dich gebar Deine Waͤnglein sind Das schneid mich in dieser Stunde. Dir nun gar erblichen!

Daind AEh 1 Kreuzesast, nun neige dich,

Und deine Kraft Zu dir sollst du ziehen mich

An meines Kindes Seiten;

Ist dir gar entwichen.. Daran thust du mir viel wohl,

O weh, wer Denn ich Arme kummersvoll Hat seinen Speer Kann nicht länger leiden. Also her gestochen,[Der eiland ruft:Eli, Eli, lama asabthanil] Dass er dir Und auch mir Maria: Das Herze hàt zerbrochen? O weh, ich hörte einen Ruf, Das war mein liebes Kind!

Johannes: Lieb' Muhm' und Mutter mein, O weh, du liebster Herre mein, Lass dein Weinen, Fraue, sein, Wie sind so trüb die Augen dein,

¹) Vilmar, Geschichte der deutschen National-Literatur I, 314. ²) Reidt, das geistliche Schauspiel des M. A. in Deutschland p. 58.