Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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Der Antichrist steht auf der Höhe seines Ruhms, alle Könige kommen, um ihn anzu- beten. Da erschallt ein mächtiges Getöse, der Antichrist stürzt zusammen und seine An- hänger fliehen, die erlöste Kirche aber singt ein Halleluiah.

Wir sind in der Darstellnng der geistlichen Spiele bis zu dem dreizehnten Jahrhundert und damit zu der Zeit vorgerückt, in welcher in den geistlichen Spielen die ersten deutschen Verse vorkommen und der ausschliessliche Gebrauch der lateinischen Sprache aufgegeben wurde. Die Veranlassung hierzu ist zunächst in der hochentwickelten lyrischen Poesie zu suchen, welche Ritter und Bürgerstand mit gleicher Gewalt ergriffen hatte. Diese Neigung des Volkes konnte um so weniger übersehen werden, da man den Laienstand schon bei den Aufführungen benutzte. Auch konnte es nicht verborgen bleiben, dass man den Zweck der Spiele, den Laien die kirchlichen Geheimnisse durch dramatische Vorführungen nahe zu bringen, viel besser erreichen könne, wenn der lateinische Text durch eine Wiedergabe in deutscher Sprache erklärt werde. In dieser Hinsicht gewinnt derludus paschalis sive de passione domini aus einer Handschrift des Klosters Benediktbeuren einen erhöhten Wert. Das Stück unterscheidet sich in technisch-dramatischer Beziehung nicht von den Stücken der früheren Periode; es beginnt mit der Berufung der Apostel und endigt mit der Kreuzigung Christi; unser Interesse wird vorzugsweise durch die in ihm enthaltenen deutschen Worte erregt, weil sie uns andeuten, wie sich die deutsche Sprache ihren Platz innerhalb der geist- lichen Spiele eroberte, um später zur herrschenden zu werden. Maria Magdalena, die in den späteren Passionsspielen mit besonderer Vorliebe gezeichnete Gestalt, geht um Wohl- gerüche und Schminke einzukaufen zu dem Krämer. Derselbe lobt seine Ware und Maria Magdalena singt im Tone eines Minneliedes drei Strophen, deren erste lautet:

Chramer, gip die varwe mier diu min wengel roete,

da mit ich die jungen man

an ir dank der minneliebe noete. Seht mich an

jungen man lat mich eu gefallen,

worauf ihr der Kaufmann in deutscher Sprache antwortet. Auch in der neunten, die Kreuzigung darstellenden Handlung spricht Maria unter dem Kreuze ihres Sohnes stehend, den Schmerz in deutschen, tief ergreifenden Worten aus:

Awe! awe mich hiut unde immer we,

awe! wie sihe ich nu an

daz liebliste kint daz je gewan,

[diese]l ze divre welde je dehain wip! lirgend ein]. awe mines schoenen kindel lip!

Lat leben mir das kindel min, Und welet mich, die mueter sin, Mariam, mich viel armes wip! [wozu]l zwiu tol mir leben unde lip?[und auch]. In dieser Uebergangszeit der geistlichen Spiele entstanden, vielleicht nach dem Vor- bilde lateinischer Hymnen, welche eine gleiche Situation behandeln, die Marienklagen, als

kleine, kunstlose Schauspiele in meist dialogischer Form.