Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
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Anderwärts suchte man diesem Unwesen dadurch zu steuern, dass man der Auffassungsweise des Volkes Unterhaltung und Stoff bot: man gestaltete unter Zugrundelegung der Evangelien des Markus 16, 17 und Johannes 20, 1 10, die symbolische Feier zu einer dramatischen. Dass die dramatische Feier des Osterfestes nachmals zu einer wahrhaft grossartigen sich entwickelte, beruht ebensosehr auf dem Reichtum dramatischer Motive, welche in der Passion. der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung enthalten sind, als auch auf der Gunst der Jahreszeit, in welcher dieselbe vollzogen wurde.

Das Weihnachtsfest wurde durch ein Spiel gefeiert, das drei Bestandtcile hatte, die für die Feier der verschiedenen Tage bestimmt waren. Auf den 25. Dezember ffel die Ver- ehrung der Hirten, auf den 28. der Mord der unschuldigen Kinder von Bethlehem und auf den 6. Januar die Anbetung der drei Magier, der späteren drei Könige. Diese einzelnen Teile wurden, wie bei der Osterfeier, Passion und Auferstehung, in der älteren Zeit getrennt auf- geführt, während sich später das Bestreben geltend machte, dieselben zu einer Festesfeier zu vereinigen.

Neben diesen beiden Festen wurde der ganze Cyclus kirchlicher Feste dramatisch gefeiert; allein weil die übrigen Teile der heiligen Geschichte für die dramatische Darstellung ungeeignet waren, so ragt keines von allen, was Wert und Bedeutung betrifft, an die ge- nannten Feste heran. Bei den Himmelfahrtsspielen griff man deshalb zu einem Ausweg und suchte die Zuschauer dogmatisch zu belehren oder fügte, um dieselben zu entschädigen, die Scene mit Thomas ein oder die Heilung des Blinden von Jericho oder die Einsetzung Marias als Verweserin des Reiches. Auch das Pfingstfest und das ihm zeitlich sehr nahe stehende Frohnleichnamsfest hatten ihre dramatische Feier, von denen die des letzteren eine grössere Ausdehnung und Bedeutung gewonnen hat.

Die Sprache, in welcher die ältesten auf uns überkommenen Stücke abgefasst sind, ist die lateinische, deren Verwendung ebensowohl in dem innigen Zusammenhang der geist- lichen Spiele mit der Liturgie, als auch in den Verfassern derselben, welche ausschliesslich Geistliche waren, ihre Begründung findet. Für den engen Anschluss an die Liturgie spricht auch die Thatsache, dass der Text der Handschriften mit Musiknoten versehen ist, womit ihre Bestimmung für den Gesang deutlich ausgesprochen wird.

Die Stücke dieser Art, von denen uns Mone im I. Bd. seiner Sammlung eines voll- ständig, von anderen nur Bruchstücke mitteilt, tragen den streng kirchlichen Namenofficium, der wohl auch für den ältesten zu halten ist, weil auch in Frankreich die ältesten, in lateinischer Sprache abgefassten Stücke denselben Namen haben.

Der Ausdruckmysterium erscheint, soweit Deutschland in Betracht kommt, zum ersten Mal in dem erwähnten Beschlusse der Synode zu Worms vom Jahre 1316.

Der älteste Schauplatz für solche Vorführungen ist die Kirche, in der wir uns, dem Chor gegenüber unter dem sogenannten Singchore, die Bühne zu denken haben: ein primitives Gerüst auf dem am 25. Dezember Stall und Krippe, am Charfreitag das heilige Grab und bei fortschreitender Entwickelung das Haus des Pilatus, die drei Kreuze, der Eingang zur Hölle und das Paradies sich befanden. Von der Gallerie des Singchores wurden später, als die Erscheinung der Engel, Gott Vaters etc. hinzukamen, die ersten Versuche in der Maschinerie gemacht.