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Die dramatische Poesie bestand hiernach in selbständiger Weise, drängte sich aber bei dem innigen Zusammenhang zwischen Kirchentum und Volkstum, wie andere Aeusserungen des Volkslebens jener Zeit, in die Kirche, wo ihr wegen des vielen Anstössigen keine dauernde Stätte geboten werden konnte. Ihr Charakter rief vielmehr eine Gegenwirkung seitens der Geistlichkeit hervor, welche in einer anderen Art dramatischer Dichtung ihren Ausdruck fand, die das volkstümliche Element weniger begünstigte und dem Volke ausser der Belehrung, einen Ersatz für die weltlichen, der heidnischen Vorzeit entstammenden Belustigungen und Spiele schaffen sollte, welche die Geistlichkeit zu verdrängen suchte. Diese Art dramatischer Dichtung hat die kirchliche Liturgie zu ihrer Grundlage, und die beigemischten weltlichen Elemente sind Zusätze oder Erklärungen, welche die Erreichung jenes Zweckes unterstützen sollen.
Auf diese Weise entwickelte das mittelalterliche Drama zwei Hauptgattungen, die im allgemeinen der im Altertum und in der Neuzeit üblichen Unterscheidung von Tragödie und Komödie entsprechen. Dieser, der Komödie, entspricht das Fastnachtspiel, der Tragödie aber das Mysterium oder geistliche Spiel.
Von beiden Arten hat die letztere den tiefgreifendsten Einfluss auf die Entwickelung des deutschen Dramas gehabt.
I. Das geistliche Spiel.)
Der Name„Mysterium“ scheint in der ältesten Zeit von denjenigen geistlichen Dramen gebraucht worden zu sein, in welchen die Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Christi zur Darstellung gelangte, und zwar namentlich bei den Franzosen. Die zur Zeit des Mittel- alters in Deutschland gebräuchliche Bezeichnung war:„Ludus“, dem man als nähere Bestimmung paschalis sive de passione domini; ludus de nocte paschae u. dergl. hinzufügte, oder:„Spiel.“
Die geistlichen Spiele bildeten einen wesentlichen Teil des Gottesdienstes, mit dessen Liturgie sie in innigster Verbindung standen. Die Liturgie selbst aber bot in dem mit Gesang verbundenen Vorlesen der wichtigsten Begebenheiten aus den Evangelien durch mehrere Personen, in den Recitativen der einzelnen und den Responsorien des Volkes einen Reichtum an dramatischen Momenten.
Das Osterfest, das Fundament aller christlichen Feste, wurde schon sehr frühe in hervorragender Weise begangen. Ein Synodalbeschluss aus Worms vom Jahre 1316, der die Osternachtfeier als eine symbolische mit dem Ausdruck:„Resurrectionis mysterium“, bezeichnet, giebt eine Schilderung der ältesten Feier. Hiernach wurde ein Kruzifix, das am Charfreitag in ein in der Kirche befindliches„sepulcrum“ niedergelegt worden war, in der Osternacht, oder am frühen Ostermorgen feierlich aus demselben herausgenommen. Die ungestüme Art, mit welcher das Volk zu diesem in abergläubischer Weise interpretierten Vorgang sich herandrängte, veranlasste dort die Ausschliessung des Volkes von diesem Akte.
¹) Die Fastnachtsspiele bleiben einer späteren Betrachtung vorbehalten.


