Aufsatz 
Ueber die dramatische Dichtung Deutschlands im Mittelalter / von P. Häling
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Deder die dramatsche Dichtung Ueutschlands in Vitelatte

Die Mimik ist bei allen Völkern die Vorläuferin der dramatischen Kunst. Sie hat ihre Begründung in derjenigen Seite der menschlichen Natur, welche dazu antreibt, alles, was auf den äusseren Menschen energisch eingewirkt hat, zu reproduzieren oder nachahmend darzustellen. Dieser Trieb zeigt sich ebenso in dem frühesten Entwickelungsalter des Individuums wie in dem der Völker. Die Spiele und feierlichen Tänze, welche die Völker der niedersten Kulturstufe besitzen, sind die ersten Versuche in mimischer Darstellung. Dass auch die Deutschen schon frühzeitig solche Darstellungen gekannt haben, ist gewiss. Tacitus erwähnt einen Schwerttanz, welcher den Krieg nachahmte, indem nackte Jünglinge sich zwischen Schwertern und drohenden Framen rythmisch bewegten. ¹) Aus der Zeit des germanischen Heidentums stammen mancherlei Sitten und Gebräuche, bei denen ausser der Verkleidung auch dem Geberdenspiel eine hervorragende Rolle zufiel. Das Fest der Winter- sonnenwende und das Frühlingsfest bestand in Umzügen und allegorisierenden Mummereien, aber auch Opfer und Leichenschmäuse waren von solchen Vorgängen begleitet. Es bedurfte nur, dass zu diesen Vorführungen Rede oder Gesang hinzutrat und sie besassen die not- wendigsten äusserlichen Erfordernisse eines Dramas.

Die erste Nachricht über ein deutsches Drama kommt aus der Zeit Karls des Grossen, vor dem ein in niederdeutscher(friesischer) Mundart verfasstes Stück aufgeführt worden sein soll. Unter seinem Sohne und Nachfolger, Ludwig dem Frommen, müssen die drama- tischen Aufführungen an Ausdehnung gewonnen haben, weil ein Synodalbeschluss aus dieser Zeit den Klerikern befiehlt, den Schauspielen auf der Bühne oder bei Hochzeiten nicht beizuwohnen. Aehnliche Verbote wurden auch von den Nachfolgern Ludwigs des Frommen erlassen.

Von welcher Beschaffenheit die Schauspiele dieser Periode gewesen seien, entzieht sich unserer Beurteilung, weil schriftliche Ueberlieferungen solcher Volksdramen nicht vor- handen sind. Wenn aber Alcuin, der Lehrer Karls des Grossen, in einem Briefe aus dem Jahre 791 voller Entrüstung schreibt:Wer Histrionen, Mimen, Tänzer, in sein Haus aufnimmt, weiss gar nicht, welch' eine Menge unreiner Geister ihnen folgt und der Sachsen- spiegel,Spielleute für unehrlich erklärt, so darf wohl vorausgesetzt werden, dass Inhalt und Darstellungsweise dem rohen Geschmack jener Zeit, der überdies unter dem Einflusse römischen Histrionenwesen stand, entsprachen.

¹) Tacit. Germ. 19. 24.