Aufsatz 
Über die Lebensweise der Ichneumonen / von H. Habermehl
Entstehung
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II. Biologiſches.

Die Zeiten ſind vorbei, in denen die zoologiſche Wiſſenſchaft eine rein beſchreibende war. Was als ihre Aufgabe uns heute vorſchwebt, iſt die Erkenntnis der geſamten Lebensgeſchichte der Tiere, und dieſe umfaßt natürlich deren Stellung in dem Haushalte der Natur, umfaßt alſo auch, um bei unſeren Schmarotzern zu bleiben, die ganze Summe der Beziehungen, die zwiſchen denſelben und den Geſchöpfen

obwalten, welche ſie beherbergen.*) Leuckart, Paraſiten des Menſchen ꝛe.

Die Ichneumonen,*) Entomophaga oder Schlupfwespen im weiteren Sinne umfaſſen nach dem jetzigen Stande der Syſtematik die Familien der Ichnenmoniden, Braconiden, Chalcididen, Vroktotrypiden und Evaniiden. Gewöhnlich wird allerdings nur der erſtgenannten Familie der Name Schlupfwespen beigelegt. Alle ſind paraſitiſch lebende, mit doppeltem Schenkelringe ver⸗ ſehene Inſekten aus der großen, in biologiſcher Beziehung ebenſo intereſſanten wie für den Naturhaushalt hochbedeutſamen Ordnung der Hymenopteren. Der Hinterleib aller Ichneumonen⸗ weibchen endet ſtets mit einem ſogen. Legebohrer(terebra). Dieſer beſteht aus einer nach unten offenen Stachelrinne, 2 darin gleitenden Stechborſten und zwei in der Regel behaarten Scheiden⸗ klappen. Vermittelſt der Stechborſten durchſticht das Schlupfwespenweibchen die Haut des Opſers, um alsdann ein Ei in die Wunde gleiten zu laſſen. Da die Stechborſten in der Regel an der Spitze fein geſägt, äußerſt hart und ſehr elaſtiſch ſind, ſo paſſen ſie ſich ihrer Aufgabe in der denkbar vortrefflichſten Weiſe an. Über die Art und Weiſe, wie die Eier ſich in dem von der Stachelrinne und den Stechborſten gebildeten Canale fortbewegen, gehen die Anſichten der Entotomen auseinander. Wahrſcheinlich werden ſie durch alternierende Bewegung der Stechborſten, wobei die baſalen Bogenſtücke der letzteren wie elaſtiſche Federn wirken, vorwärts bewegt. Die Ichneumonen legen ihre Eier meiſtens in oder an die Larven anderer Inſekten, bisweilen auch in Puppen, ſelten in die Eier der Inſekten, ſehr ſelten in ausgebildete Inſekten. Nicht wenige Ichneumonen legen ihre Eier in die Larven anderer Ichneumonen, ja es kommt vor, daß die letzteren abermals die Beute noch kleinerer Paraſiten werden, Erſcheinungen, welche man als ſecundäres und tertiäres Schmarotzertum bezeichnet.

1. Die Ichneumoniden und Braconiden.

Es dürfte kaum eine Abteilung der Inſekten geben, die den Angriffen der Ichneumoniden und Braconiden nicht unterworfen wäre, wenn ſie auch ihre Hauptverwüſtungen unter den Lepidopteren anrichten. Nach dieſen kommen die Hymenopteren, von denen beſonders die Blatt⸗ und Holzwespen häufig den Mitgliedern beider Familien zum Opfer fallen. Unter den Koleopteren werden mit Vorliebe befallen die holzbewohnenden Rüſſel⸗, Bock⸗ und Borkenkäfer, ſowie die unſere Häuſer bewohnenden Dermeſtiden, Anthrenen, Ptiniden und Xylophagen. Unter den

*) Sehr empfehlenswert zur erſten Orientirung über die tieriſchen Paraſiten und ihr wunderbares Leben und Treiben iſt die kleine Schrift von Arthur Loos,Schmarotzertum in der Tierwelt. Leipzig, Richard Freeſe 1892. 3

**) Die verwüſtende Thätigkeit dieſer Tiere im Innern anderer Inſekten hatte die Veranlaſſung zum Vergleich mit dem zu den marderartigen Raubtieren gehörenden ägyptiſchen Ichneumon gegeben, welchef nwier die Fabel meldet, ſchlafenden Krokodilen in den Leib kriechen und deren Eingeweide

usfreſſen ſoll.