Aufsatz 
Über die Entstehung und die geographischen Grenzen der romanischen Sprachen im Allgemeinen und der französischen Mundart insbesondere
Entstehung
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trik), Brüſſel*), Löwen, Thienen(Tirlemont), Tongern, Maſtricht, und vom deut⸗ ſchen Bunde an liegen an der Sprachgrenze die deutſchen Städte Aachen, Eupen, St. Vith, Clervaux, Wiltz, Arlon, Luxemburg. Von Longwy gehet die Sprachlinie durch Lothringen und Elſaß nach der Schweiz zu, und zwar in nachſtehender Weiſe: Im Gebiete der franzöſiſchen Sprache befinden ſich Metz, Chateau⸗Salins, Sarrebourg, Dieuze, Bourdonnay, St. Quiriet, Ste. Marie⸗aux⸗Mines, Rougemont, Belfort, Delle und Florimont; dagegen im Gebiete der deutſchen Sprache ſind zu nennen: Dieden⸗ hofen(Thionville), Falkenberg(Faulquemont), Pfalzburg, St. Hippolyte, Thann, Altkirch. Nahe bei Altkirch, etwas ſüdlicher, finden wir den Punkt, wo der Canton Bern an Frankreich grenzt; dort in der Nähe von Bruntrutt(Porentrui) zieht ſich die Grenzlinie der franzöſiſchen Sprache ſüdöſtlich nach Delsberg(Delémont), von da ſüdlich über Courrendelin im Münſterthal nach Münſter(Moustiers) und Tavanne, dann durch Pierre⸗Pertuis nach Sonceboz, wo die Grenzlinie das St. Imber⸗Thal (St. Imier) ſchneidet, an Biel und dem Bieler See ſtreift, bei Neuſtadt(Neuveville) und Landern(Landeron) ſich zwiſchen dem Bieler⸗ und Neuenburger See über die Ziel(Thidle) hinzieht; am nordöſtlichen Ufer des letzteren Sees geht die Grenzlinie ſüdöſtlich nach Murten(Morat) zu, wo im Canton Freiburg die ſüdfranzöſiſche Sprache beginnt; da⸗ gegen zieht ſich von dem genannten Flüßchen Ziel, welches den Neuenburger See mit dem Bieler See verbindet, die Grenzlinie der nordfranzöſiſchen Sprache uͤber die Stadt Neuenburg, dem See gleichen Namens entlang, verläßt den See nahe an deſſen ſüdlichem Ende, tritt alsdann in den Canton Waadt dem Flüßchen Orbe entlang bis zur Waſſerſcheide, von da gehet ſie in den Jura, am öſtlichen Rande der Franche⸗ Comté, wo wir am ſüdöſtlichſten Theil von Burgund die S. 45 angegebene Grenz⸗ linie der Provenzaliſchen Sprache wieder finden.

Als eine nordfranzöſiſche Sprachinſel im Gebiete der Provenzaliſchen Sprache haben wir die ſogenannte Gavacherie**) zu bezeichnen. Dieſer Bezirk, zwiſchen der Dordogne und der Garonne gelegen, enthält heut zu Tage nur 40 Gemeinden. Das Patois dieſer Anſiedler ſtimmt mit dem von Poitou und Saintonge überein.

Hier müſſen auch die an der Nordküſte Frankreichs liegenden Inſeln Guern⸗ ſey, Jerſey und Aurigny erwähnt werden, welche mit Alberney und Sark noch zu den ehemaligen engliſchen Beſitzungen in Frankreich gehören. Die Einwoh⸗ ner, etwa 60,000 an der Zahl, ſind Franzoſen und haben ihre Sprache bis auf den heu⸗ tigen Tag behalten.

Auch müſſen wir der 4,000,000 Proteſtanten gedenken, welche unter Ludwig XIV. genöthigt waren, ſich eine Heimath außerhalb Frankreich zu ſuchen***), und ſich in Holland, in England, in Preußen(Berlin), in Heſſen), in der Schweiz nieder⸗

*) In den meiſten Städten Frankreichs und Belgiens, wenn ſie auch im franzöſiſchen Gebiete be⸗ griffen ſind, wird dennoch die franzöſiſche Sprache von einem großen Theil der Bevölkerung geſprochen, ſo hat z. B. Brüſſel 120,000 Einwohner, von welchen in der oberen Stadt 46,000 franzöſiſch und 74,000 flämiſch ſprechen.

*) Gavacho heißt im Spaniſchen ſchmutziger, niedriger Menſch; die Gaſconier ſahen es wahrſcheinlich ungern, daß Nord⸗Franzoſen ſich da anſiedelten und gaben ihnen dieſen Bei⸗ namen.

**) Unter den ausgezeichneten Männern, die damals mit verbannt wurden und ſich ſpäter theils felbſ theils ihre Nachkommenen einen Namen in der Geſchichte gemacht haben, nennen wir ür Holland Jurieu, Saurin, Bayle, für England Abbadie, für Berlin David Ancillon und

ſeine berühmten Nachkommen.

t) In Churheſſen haben die Refugiés Hanau gegründet; im Großherzogthum deſen wurden ſie in Iſenburg, Offenbach, Walldorf, Welſch⸗Rohrbach, Hahn und Wembach aufgenommen;